Die Pflegerevolution kommt zu dir nach Hause13.
Dezember 2017 Sie kommt aus den Niederlanden und heißt »Buurtzorg«. Ihre Mission: Menschen besser pflegen als Akten – und dabei Kosten sparen. Jeder, der schon einmal in einem Altenheim zu Besuch war, hat wohl ähnliche Erfahrungen gemacht: die eigentümliche Mischung aus abgestandener Luft und Desinfektionsmittel, die immer gleichen, anonymen Gänge und das irgendwie befreiende Gefühl, wenn man wieder heimgehen kann. Dabei verdrängen wir allzu leicht, dass die meisten von uns eines Tages vom Besucher zum Bewohner werden könnten. Möchtest du deinen Lebensabend an so einem Ort verbringen?
Oder ziehst du deine eigenen 4 Wände vor?
80% der Menschen wünschen sich laut einer aktuellen Befragung genau das: möglichst lange zu Hause zu bleiben. Aber ist in Zeiten des »Pflegenotstands« überhaupt Platz für Wünsche, wenn Pflegekräfte – frustriert von Bürokratie und Zeitdruck – schon längst zur Mangelware geworden sind?
Ein Konzept mit dem Namen »Buurtzorg« stellt in den Niederlanden bereits seit über 10 Jahren unter Beweis, dass es anders geht. Statt Papierkrieg, Stress und Kostendruck setzt man bei unseren Nachbarn auf Vertrauen, Menschlichkeit und Kooperation. Kann das auch bei uns gelingen?
Buurtzorg – besser, günstiger, einfacherDie Revolution der Altenpflege nahm 2006 in Enschede ihren Anfang: Jos de Blok, Gründer von Buurtzorg und selbst Pfleger, begann mit einem Team von 4 Mitarbeitern, Menschen in ihrem Zuhause zu versorgen.
Das Besondere daran: Das Buurtzorg-Team bot nur eine einzige Leistung an – Pflege.
Nicht im Angebot waren hingegen technisch klingende Module wie »Teilwaschen« (Leistungskomplex 2 – 1), »Überwachung von Ausscheidungen« (Leistungskomplex 3 – 4) oder »Körper- und situationsgerechtes Lagern / Betten« (Leistungskomplex 7 – 3).
Der Buurtzorg-Gründer Jos de Blok ist international unterwegs, um sein Konzept vorzustellen. – Quelle: flickr /Meaning Conference / Clive Andrews CC BY-SA
So setzte Jos de Blok ein Ausrufezeichen gegen dieses durchbürokratisierte Pflegesystem, in dem die Versorgung alter und kranker Menschen zu einem Produkt geworden und der Patient nichts weiter als ein Leistungsempfänger war.
Buurtzorg ist radikal anders: Es ist kein Unternehmen, sondern eine Non-Profit-Organisation, frei von Effizienzregeln irgendwelcher Managementberater. Und damit auch frei von Managern, Dienstleitern und Zeitvorgaben.
Die Teams aus maximal 12 Pflegeprofis organisieren fast alles selbstständig. Sie teilen das Personal ein und planen ihre täglichen Touren. Unter dem Motto »Menschlichkeit statt Bürokratie« hat Buurtzorg so den gesamten Pflegebereich in den Niederlanden revolutioniert: In den letzten 10 Jahren haben sich 800 Teams mit über 10.000 Pflegekräften neu gegründet und versorgen inzwischen über 70.000 Patienten. Beide Seiten – Pflegekräfte und Patienten – sind hochzufrieden mit diesem System.
Spätestens jetzt mag man sich fragen, was das alles gekostet haben muss.
Die Antwort: weniger als das alte System. Zwar steigen die Kosten pro Stunde leicht an, die Gesamtzahl der benötigten Pflegestunden sinkt jedoch um bis zu 50%.
Um das Pflegeimperium zu verwalten, braucht Buurtzorg zudem keinen prunkvollen Hauptsitz mit schicker Glasfassade. Man begnügt sich mit einem unscheinbaren Gebäude in einem Gewerbepark bei Amsterdam und gerade einmal 45 Verwaltungsmitarbeitern.
Kritik am Modell übt vor allem die Pflegekonkurrenz: Buurtzorg-Patienten seien bei unvorhergesehenen Ereignissen dann doch auf die Hilfe klassischer Pflegedienste angewiesen – und würden sogar häufiger in der Notaufnahme landen. Zudem würden sich die Teams nur besonders lukrative Patienten herauspicken. Für diese Anschuldigungen konnten in einer Fallstudie jedoch keine Belege gefunden werden.
Internationales Interesse ließ nicht lange auf sich warten. Inzwischen wird Buurtzorg in 24 Ländern erprobt, darunter Großbritannien, Schweden, Japan, China und den USA. Mit dem sich seit Jahren verschärfenden Pflegenotstand im Nacken ist auch das deutsche System reif für die Revolution.
Altenpflege in Deutschland – Kontrollzwang statt Vertrauen
Udo Janning koordiniert
das erste Buurtzorg-Pilotprojekt für Sander Pflege
und den Impulse Pflegedienst aus Emsdetten. –
Quelle:
Sander Pflege copyright
Udo
Janning Gunnar Sander Von den Zuständen in den Niederlanden können Altenpfleger in Deutschland zurzeit nur träumen.
Die Krankenkassen und Ärzte geben den Pflegekräften bei uns genau vor, was sie tun dürfen: Essen zubereiten, waschen, Thrombosestrümpfe anziehen – alles in kleinteilige Leistungskomplexe zerlegt, für die jeweils eine genaue Zeitvorgabe und ein exakter Preis festgelegt sind. Die Pflegefachkräfte dürfen daher nur genau das machen, was verordnet wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass sie stets unter Druck stehen. Brauchen sie länger als vorgegeben, wird das dem Pflegedienst nicht bezahlt und es droht Ärger mit dem Pflegedienstleiter: Die Zeiten müssen eingehalten werden, Mehrarbeit wird von der Kasse nicht bezahlt.
Udo Janning kennt die Probleme des Systems. In seinen 26 Jahren Berufserfahrung hat er beide Perspektiven kennengelernt – er war sowohl als Altenpfleger als auch als Pflegedienstleiter tätig.
Heute ist er bei einem ambulanten Pflegedienst für die Koordination des ersten Buurtzorg-Pilotprojekts im münsterländischen Emsdetten zuständig.
»Wenn der Patient fragt: ›Kannst du mir mal bei etwas helfen?‹, dann muss die Kasse das erst genehmigen, der Arzt muss es verschreiben und ich darf nichts machen. Ich sitze immer zwischen den Stühlen.«
Das Resultat ist wenig verwunderlich: Pflegekräfte arbeiten laut dem Deutschen Pflegerat schätzungsweise nur 10 Jahre in ihrem Beruf, selbst die größten Idealisten scheiden früh wieder aus oder arbeiten nur noch in Teilzeit. Bereits jetzt fehlen 40.000 Fachkräfte, bis 2030 könnte sich die Lücke auf 200.000 ausweiten. Die Zeit drängt also.
Zeit, dass die Pfleger wieder pflegen dürfenJohannes Technau, Geschäftsführer des Netzwerks Gesundheitswirtschaft Münsterland, hat das erkannt.
Er koordiniert die ersten Pilotprojekte mit den 2 Pflegeanbietern Sander Pflege und dem Impulse Pflegedienst aus Emsdetten. Diese sind finanziell in Vorleistung gegangen, um das Projekt zu ermöglichen.
Johannes Technau sieht in Buurtzorg den richtigen Ansatz, um dem Frust in der Pflege etwas entgegenzusetzen:
Johannes Technau begleitet die Erprobung von Buurtzorg im Münsterland. – Quelle: Netzwerk Gesundheitswirtschaft Münsterland copyright
Kurz gesagt: Der Beruf des Pflegers wird aufgewertet und mit wesentlich mehr Vertrauen ausgestattet.
In den selbstorgansierten Teams entscheiden sie vor Ort in enger Zusammenarbeit mit den Gepflegten und deren Bezugspersonen, was getan werden muss.
Dabei stellen Pfleger erst einmal fest, was der Patient noch selbst erledigen kann. Und ermutigen ihn dazu, genau das auch weiterhin zu tun – etwa sich selbst zu waschen. Im aktuellen System ist das nicht vorgesehen. Die Pfleger sind aufgrund des permanenten Zeitdrucks zur Hektik gezwungen: Es bleibt kaum Zeit, um die Patienten bei der Körperpflege zu begleiten, denn der nächste Termin wartet schon. So lernen die Patienten, dass sie sich nicht selbst kümmern sollen – es kommt ja schließlich jemand, der die morgendliche Körperpflege für sie übernimmt.
Bei Buurtzorg können die Teams aktivierend pflegen, was nichts anderes heißt, als länger dazubleiben, dem Patienten den Waschlappen in die Hand zu drücken und zu sagen: »Wasch dich selbst, wenn du nicht mehr weiterkommst, helfe ich dir.« Das funktioniert, weil sie diese Zeit auch bezahlt bekommen – nur eben pro Stunde, nicht pro Einzelleistung.
Allein dieser Aspekt macht für die Pfleger sehr viel aus. Da ist sich Udo Janning sicher: »Wir müssen zeigen, wie entspannt die Pfleger sind, wenn sie nicht mehr 24 Patienten pro Tour haben, sondern nur noch 6 – für die sie dann auch noch Zeit haben.«
Den Alten etwas zutrauen – eine lohnende InvestitionAuch wenn das am Anfang mehr Zeit – und somit Geld – kostet, zahlt sich die Investition auf lange Sicht aus.
Eine Untersuchung aus Großbritannien zeigt, dass die Patienten durch diese Herangehensweise in vielen Fällen ihre Selbstständigkeit zurückerlangen, seltener in die Notaufnahme müssen und bei geplanten Krankenhausaufenthalten viel früher wieder nach Hause können.
Zudem brauchen Buurtzorg-Teams durchschnittlich 40% weniger Zeit, um die verordneten Tätigkeiten zu erledigen.
In der Praxis sehen solche Einsparungen dann so aus:
Pflege sollte Menschen ein möglichst selbstbestimmtes, schmerzfreies Leben ermöglichen. Daher orientiert sich Buurtzorg an grundsätzlichen menschlichen Bedürfnissen:
Nehmen wir diese Bedürfnisse ernst, ist klar, dass Gepflegte keine »Konsumenten« sein können, die Pflege von einem »Dienstleister« »einkaufen« müssen. Diese ökonomische Denkweise ist die Wurzel des Pflegenotstands in Deutschland.
Mit Buurtzorg soll in der Pflege wieder mehr Zeit für Zwischenmenschliches sein. – Quelle: flickr public domain
Nachbarschaftshilfe hat viele GesichterAuch pflegebedürftige alte Menschen sind Individuen mit einem sozialen Umfeld. Ohne dieses Umfeld wäre der gesamte Pflegebereich schon längst kollabiert, denn der Löwenanteil der häuslichen Pflege wird in Deutschland in fast 1,4 Millionen Fällen von Angehörigen gestemmt.
In der Theorie könnten ihnen weitere Unterstützer zur Seite stehen: Freunde, Nachbarn und je nach Region und Religion vielleicht sogar noch die Kirchengemeinde inklusive Dorfpfarrer. Ein enormes Potenzial – wenn es denn genutzt würde. Man braucht dazu lediglich jemanden, der die Kräfte koordiniert.
Die Buurtzorg-Teams fungieren hier als Manager und bauen gezielt ein Netzwerk aus allen Beteiligten auf.
Doch keine Angst: Niemand wird gezwungen, künftig die Oma von nebenan zu waschen. Es geht vielmehr um die effiziente Nutzung vorhandener Ressourcen, um Zeit für Patienten zu schaffen, die gar keine Unterstützung durch Pflegedienste bekommen können – und das ist aktuell nicht nur im Pilotprojektgebiet im Münsterland der Fall.
Warum kann die befreundete Nachbarin beim täglichen Einkauf nicht einfach etwas mitbringen? Oder die Tochter, die in derselben Straße wohnt, einmal die Woche die Medikamentendose vorbereiten?
Das soll keinesfalls heißen, dass die Pflegedienste die Arbeit auf die Angehörigen abwälzen wollen. Es gibt kein Muss. Wenn jemand mit der Situation überfordert ist oder nichts damit zu tun haben will, dann übernimmt das Buurtzorg-Team. Das kommt aber gar nicht so häufig vor:
Kann das auch bei uns funktionieren?Angesichts der demografischen Entwicklung ist klar, dass zwangsläufig mehr und mehr Gelder in den Pflegebereich fließen müssen. So fordert das unabhängige Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung für die kommenden Jahre einen 3-schrittigen Masterplan, um die Löhne zu erhöhen und 100.000 neue Pflegestellen zu schaffen. Kosten: 12 Milliarden Euro pro Jahr.
Allein 500 Millionen Euro sollen für die Erforschung neuer Versorgungskonzepte und innovativer Technologien bereitgestellt werden.
Mit Buurtzorg ist bereits ein über Jahre erprobtes Konzept zur Hand.
Aktuell sind zunächst die Kranken- und Pflegekassen am Zug: Sie müssen mit den laufenden Pilotprojekten im Münsterland klären, wie die Rahmenbedingungen angepasst werden müssen, damit die Kostenabrechnung pro Stunde funktionieren kann.
Links zum Artikel
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Buurtzorg Nederland -
Ein innovatives Modell der Langzeitpflege revolutioniert
die Hauskrankenpflege (PDF Download Available).
Available from:
https://www.researchgate.net/publication/283573828_Buurtzorg_Nederland_-_Ein_innovatives_Modell_der_Langzeitpflege_revolutioniert_die_Hauskrankenpflege
[accessed Dec 15 2017]..
Buurtzorg Nederland - Ein innovatives Modell der Langzeitpflege revolutioniert die Hauskrankenpflege ...
Das Modell:
Autonome Teamarbeit
Das
Buurtzorg-Modell wurde 2006 als Projekt
im Kontext des strikt geregelten niederländischen
Quasi-Markts der mobilen
Pflege und Betreuung eingeführt, wo es sich
seither im Konkurrenzkampf um KundInnen und Verträge
gegenüber den herkömmlichen Anbieterorganisationen
behauptet hat – besser noch: die traditionellen Anbieter
sind zunehmend
gezwungen, das Buurtzorg-Modell zu übernehmen, um
überhaupt noch neues Personal rekrutieren zu können.
Organisatorisch zeichnet sich das Modell durch die wohnortnahe Versorgung mittels kleiner, autonom organisierter Teams von höchstens 12 community nurses (mindestens 3-jährige Bachelor-Ausbildung) und AssistentInnen (2-jährige Ausbildung) aus.
Dabei werden die
Overhead-Kosten so niedrig wie möglich
gehalten, u.a. durch eine extrem flache
Organisationsform und mittels IT-Anwendungen in der
Planung, Dokumentation und Datensammlung.
Die
zentrale Verwaltung ist für administrative Tätigkeiten
und Coaching der Teams zuständig.
Ansonsten ist
die Autonomie der Teams
weitreichend, da es keine hierarchischen
Zwischenebenen gibt.
Beispielsweise können die Teams selbst über ihre
Fortbildungsaktivitäten entscheiden, wenn z.B.
festgestellt wird, dass zunehmend mehr KlientInnen
Palliativpflege brauchen oder Teammitglieder meinen,
dass sie im Umgang mit KlientInnen mit Demenz noch
Weiterbildungsbedarf haben.
Im Pflegeprozess werden
Kommunikation und die integrierte Zusammenarbeit mit
anderen lokalen, professionell und informell Pflegenden
und Betreuenden in den Vordergrund gestellt.
Weiterhin baut das Modell auf die Aktivierung
von Selbst-flege, d.h. die Mobilisierung und
Nutzung der Ressourcen der NutzerInnen.
Wenn ein Team genügend
KlientInnen hat – in der
Regel sind dies etwa 50-60 pro Team – wird im nächsten
Quartier ein neues Team gebildet.
Auf diese Weise hat Buurtzorg einen bahnbrechenden Wachstumsprozess entfacht:
Von 2006 bis 2015 ist die
Non-Profit-Organisation von einem auf inzwischen über
700 Buurtzorg-Teams mit über
8.000 MitarbeiterInnen und rund 65.000 KlientInnen
gewachsen.
Dabei ist die Zentralverwaltung nur unwesentlich
gewachsen und mit rund 50 MitarbeiterInnen ein
Modellbeispiel für schlanke
Verwaltung und die Vermeidung von Overhead-Kosten.
Das Pflegekonzept
Das
Modell orientiert
sich an den individuellen
Bedarfslagen der NutzerInnen und sucht
gemeinsam mit diesen und deren informellen sowie
professionellen Bezugspersonen nach
Lösungen.
Die
community nurses
helfen den NutzerInnen, ihr
Leben mit Hilfe lokaler Ressourcen so weit wie möglich
selbstständig zu gestalten.
Buurtzorg geht dabei von allgemeinen Mängeln der
Langzeitpflege, wie sie üblicherweise organisiert ist,
auf drei Ebenen aus:
•
Die
individuellen Bedarfslagen der KlientInnen werden in der
klassischen ambulanten Versorgung nicht
ausreichend wahrgenommen (unterschiedliche
MitarbeiterInnen, wenig
geschultes Personal, forcierte Arbeitsteilung ...).
•
Zwischen den eigentlichen
Kompetenzen der professionellen Pflegekräfte und der
realen Organisation von Pflegeleistungen klafft
eine weite Lücke (Fehlen von Ganzheitlichkeit).
•
Bei der Versorgung durch
mobile Dienste und der Versorgung durch andere
Organisationen im Gesundheits- und Sozialbereich
und deren MitarbeiterInnen fehlt es an Kommunikation und
Zusammenarbeit.
Um diesen Mängeln zu begegnen, baut Buurtzorg zunächst
auf einer ganzheitlichen Erhebung der
individuellen Bedarfslagen auf – von
medizinischen und rehabilitativen über pflegerische bis
zu persönlichen und sozialen Aspekten.
Abgesehen von der Pflege selbst, bietet der
individuelle
Betreuungsplan Informationen
zur Unterstützung der sozialen Rolle der betreuten
Personen und zur Förderung ihrer
Selbst-Pflege zur Erweiterung der Selbstständigkeit.
Darüber hinaus ermöglicht die Organisation autonomer
Teams eine bessere Nutzung der Team-Kompetenzen
und die Übernahme von Verantwortung für breiter
gefächerte Pflegeaufgaben.
Schließlich werden auch die informellen
Ressourcen sowie eventuell notwendige
weitere professionelle Interventionen,
z.B. durch Geriater, Physio-
oder Ergo-Therapeutinnen, identifiziert
und in die Betreuungsplanung integriert.
Das Pflegekonzept wurde von einigen erfahrenen
community nurses entwickelt und
basiert auf einer Reihe untrennbar miteinander
verbundenen Komponenten,
die u.a. folgende Aspekte umfassen :
•
Ganzheitliches Assessment der individuellen Bedarfslage
als Basis für einen entsprechenden Pflegeplan;
•
Identifizierung, Einbeziehung und Vernetzung aller
formellen und informellen Pflegepersonen;
•
Erbringung von Pflege und Betreuung;
•
Unterstützung des Klienten bzw. der Klientin in
seinen/ihren sozialen Rollen; • Förderung der Selbstpflege und Selbstständigkeit.
Die Wirkungen
Abgesehen von der anfänglichen Subvention des
Pilotprojekts werden die
Kosten des Modells heute
vollständig aus den üblichen Finanzquellen der
Pflegeversicherung (AWBZ) gedeckt, die auch den
herkömmlichen Anbietern mobiler Pflege in den
Niederlanden zur Verfügung stehen.
Der
auf Konkurrenz und Wahlfreiheit der NutzerInnen
basierende „Pflegemarkt“ machte auch Buurtzorg den
Zugang zu diesem Markt möglich.
Die Organisation floriert
dank des hohen Engagements ihrer MitarbeiterInnen und
kann auf Basis von Daten und
Fakten nachweisen, dass in vielen Fällen mit weniger
Kosten (Betreuungsstunden) bessere Ergebnisse erzielt
werden können,
wenn gut ausgebildetes Pflegepersonal in die Lage
versetzt wird, ganzheitliche Betreuung zu erbringen.
Seit Beginn ist die Arbeit von Buurtzorg durch eine
Reihe von Evaluationsstudien
sowie durch internes Qualitätsmanagement nach dem
sogenannten Omaha-System
(http://www.omahasystem.org)
begleitet worden.
Zudem ist Buurtzorg aufgrund der niederländischen
Qualitätssicherung in der Langzeitpflege dazu
verpflichtet, regelmäßige Kundenbefragungen
durchzuführen
(van der Veen et al., 2010).
Zu den nachweislich positiven Wirkungen von
Buurtzorg zählen folgende Aspekte:
•
Buurtzorg liegt laut Ergebnissen der obligatorischen
nationalen Qualitätserhebung, bei der auch die
Zufriedenheit der NutzerInnen gemessen wird,
an der Spitze aller mobilen
Versorgungsanbieter.
•
Auch seitens der niedergelassenen ÄrztInnen und der
Gemeinden wird der Kooperation mit den
Buurtzorg-Teams hohe Zufriedenheit bescheinigt, wie eine
qualitative Untersuchung belegt
(de Veer et al., 2008). • Der signifikante Kostenrückgang ist nach den Berechnungen im Rahmen einer Studie über Buurtzorg als Business Case darauf zurückzuführen, dass die Organisation im Schnittdurchschnittlich 40% weniger Zeit braucht, um den von den Assessment-Zentren in Stunden festgestellten Pflegebedarf zu befriedigen.
Gegenüber anderen Anbietern ist
auch die
durchschnittliche Dauer der
Inanspruchnahme von Diensten bei Buurtzorg kürzer,
weil deren KlientInnen in
vielen Fällen ihre Selbstständigkeit wiedererlangten,
weniger Notaufnahmen zuverzeichnen hatten und bei
geplanten Krankenhausaufenthalten insgesamt kürzere
Aufenthaltszeiten aufwiesen.
Die Overheadkosten waren mit
8% weit niedriger als bei anderen Anbietern, bei
denen sie sich auf bis zu 25% beliefen, was u.a. auch an
niedrigeren Werten bei Krankenständen und
Personalfluktuation lag
(Maatschappelijke Business Case Buurtzorg, 2009).
•
Buurtzorg gewann seit 2011 mehrere nationale und
internationale Auszeichnungen, u.a. als
niederländischer Arbeitgeber des Jahres 2011 und 2013.
•
Ein weiterer Erfolgsindikator des Modells besteht in der
Übernahme der Prinzipien von Buurtzorg durch die
traditionellen Anbieter der Hauskrankenpflege in den
Niederlanden. Auch in anderen Ländern wie z.B. Japan,
Schweden, Norwegen, England und den USA wurden erste
Schritte unternommen, um die Möglichkeiten der
Übertragung und Anpassung des Modells im jeweiligen
nationalen Kontext zu prüfen.
Zuletzt hatten einige Anbieter die Einsparungen von
Buurtzorg in der öffentlichen Diskussion darauf
zurückgeführt, dass die Organisation vornehmlich
„profitablere“, d.h. weniger
pflegebedürftige KlientInnen aufnehmen würde. Eine vom
Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport in
Auftrag gegebene Studie wies nach, dass die
Leistungsfähigkeit von Buurtzorg nicht auf einer
besonderen Klientenstruktur beruht.
Mit durchschnittlich €6.428
für 108 Einsatzstunden
pro Jahr pro KlientIn
liegen die Gesamtkosten bei
einem standardisierten case-mix
niedriger als bei anderen
Anbietern, bei denen durchschnittlich
168 Stunden pro KlientIn mit
Kosten von €7.995 verbunden sind.
Überdies machte die Studie deutlich, dass die
individuellen (Folge-)Kosten für medizinische Versorgung
bei Buurtzorg-KlientInnen höher sind als bei anderen
Anbietern (KPMG,
2015).
Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass
KrankenpflegerInnen eher geneigt sind, medizinische
Probleme wahrzunehmen, die ärztlicher Betreuung bedürfen
(Commonwealth Fund, 2015).
Bei der Interpretation dieser Ergebnisse muss bedacht
werden, dass viele Anbieter inzwischen einige Prinzipien
von Buurtzorg übernommen haben.
Dennoch könnte man argwöhnen, dass Buurtzorg seinen
KlientInnen einen hohen Anteil an (durch die
unabhängigen CIZ) rechtmäßig zugeteilten
Betreuungsstunden vorenthält. Dagegen spricht wiederum
die hohe Zufriedenheit der
KlientInnen.
Dass durch besser ausgebildete und besser bezahlte
community nurses sehr
spezifisch auf die Ermöglichung von Pflege zuhause
eingegangen werden kann, zeigt ein weiteres Ergebnis
der Studie:
die Folgekosten für
Aufenthalte in Pflegeheimen bei
Buurtzorg-KlientInnen sind im Vergleich
zu anderen Anbietern
deutlich niedriger. .... |