2000

 

gabriele weis  /  friedenshindernis:

 

machtdenken

 

 

 

´macht´ haben, heißt:

unbeeinträchtigt machen (können),  selbstbestimmt über eigenes wie fremdes tun und lassen entscheiden (können)

 

 

die koordinaten unserer entscheidungsspielräume liegen in den begrenztheits- und vielfalts-gesetzmäßigkeiten des kosmos

zu diesen gehören:

.../   die selbstbestimmungsansprüche, die menschen erheben

.../  die fremdbestimmungsansprüche, die menschen erheben

 .../  die vorstellungswelten, in die menschen hineinwachsen, die sie sich anverwandeln, die sie transzendieren

.../  konkrete macher-fertigkeiten, nach denen im hinblick auf ziel x mehr oder minder verbreiteter bedarf besteht bzw. zu bestehen scheint

.../  kommunikative fertigkeiten zwischen charisma und terror

.../  kommunikative bedürfnisse

 

 

meine these:

die größe des entscheidungsspielraumes, den einer hat oder nicht hat, gewinnt, erweitert oder verliert,  -  die größe seiner macht also -...

...ist ergebnis eines vorstellungsverhafteten abgleichs von ansprüchen und bedürfnissen zwischen   a l l e n ,   die es mit einem bestimmten tun oder lassen näher oder weiter zu tun haben oder zu tun bekommen

 

 

d.h.:  

wir alle dulden eine vielzahl z.t. weit ausgreifender selbst- und fremdbestimmungsansprüche 

 andere be- bzw. erstreiten wir

 

dabei changiert unsere duldung zwischen mittragender einwilligung und mühsamem aushalten   -   und unser be- wie erstreiten zwischen einem mehr oder minder selbstverständlichen bis drängenden geltend-machen von ansprüchen und dem einsatz mehr oder minder gewalttätiger anspruchs-durchsetzungs-strategien

 

 

 

ganz gleich jedoch, ob wir uns fremden ansprüchen gegenüber duldend oder bestreitend verhalten und eigene ansprüche ganz selbstverständlich ausagieren oder mühevoll erstreiten:  

keiner von uns verfügt dabei im kern über ein größeres gewicht als ein anderer

 

 

denn:  wir mögen das wollen oder nicht, wir mögen objektiv infolge des kausalitätsprinzips gar nichts zu entscheiden haben  -  wählen müssen wir subjektiv unaufhebbar

was einer nun aber wählt von all den duldungs- und streit-möglichkeiten im umgang mit einzelnen ansprüchen  -  es hat nicht mehr und nicht weniger einfluß auf die aus den wahlentscheidungen aller sich ergebenden kräfteverhältnisse als die wahl irgendeines anderen

darüber hinaus ist es jederzeit revidierbar

 

 

jede wahl für oder gegen die duldung bestimmter bestimmungsansprüche und jede revision dieser wahl ist damit ausdruck der unaufhebbaren gleichrangigkeit und gleichmächtigkeit aller menschen (von der im übrigen biblische genesis wie europäische aufklärung gleichermaßen sprechen):  

niemand hat im letzten mehr macht als ein anderer

 

 

die duldungs-assoziationen, die wir suchen oder in die wir uns hineingezwungen finden, verdecken diesen tatbestand leider zumeist

denn sobald und solange einer dulder findet für seine ansprüche und sofern die zahl dieser dulder die gegen-assoziationskraft effektiver bestreiter übertrifft, verfügt er u.u. über extreme bestimmungsgewalt 

 

es gilt jedoch immer:

noch die zeitweilig scheinbar fragloseste assoziation von anspruchs-erhebern und -duldern birgt fragwürdiges

je größer diese fragwürdigkeiten über entsprechenden entwicklungen werden, desto mehr menschen verabschieden sich zunächst innerlich und irgendwann auch äußerlich von ihrem bisherigen duldungsverhalten und beginnen, veränderte anspruchslagen ins spiel zu bringen

 

denn jede konsensbildung im bereich der duldung ausgreifender bestimmungsansprüche bewegt sich gleichsam auf zwei beinen:

bein 1:  materielle + ideelle interessen-schnittmengen

bein 2:  ethische akzeptabilität

nur wenn beide einander wechselseitig transzendieren und keinen größeren verletzungen ausgesetzt werden, besteht eine variantenreiche und ästhetisch wie ethisch wie problembezogen ausgeglichene fortbewegungsmöglichkeit

 

 

überdies:  keine konsensbildung im bereich der duldung ausgreifender bestimmungsansprüche, die alle betroffenen ohne ausnahme und gleichermaßen einzuschließen vermöchte

bestimmungsansprüche und die sie tragenden oder auflösenden konsens- und dissensbildungen existieren immer nur im plural

selbst dort, wo sie miteinander rivalisieren, ergänzen sie einander in einzelnen aspekten

 

 

 

 

das bestreben, diese ergänzungen auszublenden und rivalisierende konsensbildungen zurückzudrängen, zu unterdrücken oder auszuschalten, gar auszumerzen, nenne ich:

machtdenken

 

seine hauptthesen nach meinem verständnis:

 

 

(ge)rechte) ordnung unter menschen gäbe es nur um den preis ausgeklügelter zwangs- und kraftpotenzierungs-systeme:

 

alles drehe sich um innere wie äußere vorsprünge, um sieg oder niederlage

alles drehe sich um vielfaltsbegrenzungen zugunsten größerer gruppenspezifischer überschaubarkeit, stärke/wehrhaftigkeit oder alles richtender einfalt

alles drehe sich um effektive sanktionierungen

wo kein idealverhalten begegne, seien ideale antworten ´unrealistisch´

 

 

nur der wachsame aufbau möglichst übergroßer zwangs-, abwehr- und schädigungpotentiale schütze vor bedrohungen:

 

alles hänge ab von möglichst überlegener gerüstetheit

alles hänge ab von möglichst umfassend institutionalisierten mißtrauens-, kontroll- und zwangs-mechanismen (je diffuser, aber beängstigender die bedrohung)

alles hänge ab von einer möglichst machtvollen bis anziehenden verbreitung eigener paradigmen und der auflösung, ggf. auch der zerschlagung verschiedenster gegenläufiger paradigmata