Start

 

WELTORDNUNGSBAU VIA KRIEG?

 

 

Ich sehe eine Fülle wirtschaftsgeschichtlicher wie mächtepolitischer wie migrativer Prozesse, die das seit der Französischen Revolution entfaltete und der gesamten Welt im Europäisierungswege übergestülpte Nationalstaatskonzept spätestens seit 1945 zu überlagern begonnen haben. Und ich denke, dieser Vorgang entwickelt eine wachsende Dynamik.

Für gesteuert und steuerbar halte ich diesen Vorgang nur in Maßen. Der größte Teil ergibt sich und schafft täglich neu seine Erfordernisse. - Welche, das gilt es ebenso analytisch wie programmatisch herauszufinden..., um Handlungsorientierungen zu gewinnen, ohne in einen Steurbarkeitswahn zu verfallen...

Suptanationalität dieser oder jener Ausprägung hat Vorteile wirtschafts- und mächteordnungs- und in diesem Zusammenhang auch friedens-politischer sowie bevölkerungspolitischer und auch ökologischer Natur - weshalb meiner Wahrnehmung nach dominante politische und wirtschaftliche Kräfte in weiten Teilen der Welt mehr oder minder gezielt an seiner weiteren Dynamisierung arbeiten.

Zu diesen Vorteilen gehört:

Die alte Nationalstaatsidee hatte z.T. ungeheure Zerreißproben zwischen Demokratie und nationalchauvinistischer Diktatur in viele Staatsgebilde dieser Welt getragen und insofern viel Elend produziert. Denn die so erzeugten Spannungen im Innern der Nationalstaaten drängten auf Abreaktion nach außen. Sie waren und sind zuhauf in besonderer Weise kriegsträchtig, sobald sie mit bestimmten Wirtschafts- und Gesellschaftsprozessen in Korrelation geraten.

Und: die alte Nationalstaatsidee hält nur begrenzte Regelungsfelder bereit für all die Existenzsicherungs-Aufgaben, die heutigen Gemeinwesen aus der mittlerweile weltweiten Verflochtenheit menschlicher Aktivitäten auf allen Gebieten des Lebens zuwachsen. Von daher suchen große Teile der Menschheit ein Stück weit wohl zurecht nach supranationalen Erweiterungen dieser Regelungsfelder.

Der ausdrücklich und willentlich allseits mitgestaltete Weg in die Supranationalität scheint mir freilich dann kein moralisch vertretbarer Gewinn werden zu können, wenn er die alten Denk- und Wertungsklischees und –paradoxe einfach unbesehen zur Grundlage nun nicht mehr einfach nationaler, sondern stattdessen so etwas wie kontinentaler bzw. weltweiter Zusammenschlüsse mit gemeinsamen Verfassungsprinzipien zu machen trachtet.

Seit dem Ende des Ost-Westkonfliktes fehlt vielen Menschen und Völkern offenbar eine Formiertheit der Welt, in der jeder Einzelstaat seinen überschaubaren Platz in einer nicht allzu beweglichen Rangfolge des internationalen Staatengefüges hatte.

Ohne derartige, alles scheinbar vereinfachende Formiertheiten nämlich kann alles jederzeit so oder so in Bewegung geraten. Weltweite Un-Formiertheit jedoch erscheint offenbar den meisten Menschen als tendentiell äußerst kriegsträchtig, weil viel zu unsicher.

Mir nicht, jedenfalls nicht per se.

Wie sich so etwas für den einzelnen vermittels vergleichbarer innergesellschaftlicher Aufhebungen älterer Formiertheiten anfühlt, haben unsere Urururgroßeltern und deren Nachkommen bis auf uns Heutige seit der Aufhebung der feudalen Ständegesellschaften kennengelernt. In mobilen Gesellschaften zu leben, bringt Freiheitsspielräume, es schafft aber auch den Zwang zur individuellen Platzsuche.

Und wir erleben es derzeit mit neuer Brisanz unter den Bedingungsveränderungen in unseren Sozial-, Wirtschafts- und Politik-Gefügen, wie sie die heraufziehende ´Informationsgesellschaft´ mit sich bringt...

(Das eine hat Auswirkungen auf unsere Psyche wie das andere. Diese Auswirkungen vergleichend zu bewerten, scheint mir müßig. Solche Wirkungen außen vor lassen zu wollen im Rahmen der Frage, wohin wir denn mit den internationalen Staatengefügen unserer Tage und der unserer Nachkommen wollen, scheint mir fatal)

In einer Welt mit mobilen Staatengefügen zu leben, ähnlich wie wir das innergesellschaftlich nun schon seit Generationen vollziehen, scheint zumindest all denen, die derzeit in aller Welt einflußreiche wirtschaftliche und politische Positionen bekleiden, nicht vorstellbar bzw. dringend akzentuierungsbedürftig im Rahmen gezielter Polarisierungen.

So jedenfalls lesen sich deren wirtschaftliche und politische Aktivitäten nicht erst seit dem neuen Jugoslawienkrieg für mich.

Denn sie alle haben sich meiner Wahrnehmung und meinem Zusammenhangsverständnis nach vorgesetzt, mit Hilfe eines für geeignete Beruhigungen sorgenden Credos menschenrechts- und demokratie-verpflichteter, supranationaler Neuformierungen des internationalen Staatengefüges auf ´zeitgemäße Weise´ an der möglichst machtvollen Absicherung jeweils ihrer materiellen wie ideellen Interessen zu arbeiten.

Formiert muß in ihren Augen sein. Geregelt ohne Ende. Und ohne ´falsche´ Rücksichten oder gar Aufrichtigkeiten selbstredend.

Der Wettlauf aller mit allen ist infolge des Wegfalls alter Formiertheiten neu eröffnet (wie schon einmal zu Zeiten des Imperialismus zwischen 1870 und 1918) - aber frei, also un-formiert und das heißt doch wohl positionsgefährdend auch für die, die sich - wie wir - als führende Kräfte in der Fortschrittsentwicklung der Menschheit begreifen, soll er sich möglichst nicht vollziehen...

Weil und wo Demokratien ihre Interessen im Spiel zu halten und abzusichern suchen, braucht das jeweils verfolgte Ziel freilich, so sehe ich es, noch lange nicht demokratischer Natur zu sein und das Ergebnis erst recht nicht.

Ziel und Ergebnis könnten demokratische Qualität nur dann für sich beanspruchen, wenn sie aus etwas anderem bestünden als aus festgezurrten Hierarchien zwischen politischen Gemeinwesen natürlicherweise so oder so unterschiedlichen Gewichts.

Daß es in den Aktionen und Zielsetzungen der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Hauptakteure des gegenwärtigen Weltgeschehens um Formen eines weltweiten wirklich demokratischen Umgangs der Staaten miteinander ginge, an deren Souveränität als in allem völlig gleichrangige Partner nicht gekratzt wird, auch wenn diese sich in gravierende Fehlentwicklungen hinein verstricken, kann ich nicht erkennen.

Was ich hingegen sehe, ist nahezu restlose Fraglosigkeit ganzer Nationen und ihrer Abgeordneten und sonstigen Amtsträger gegenüber dem eigenen staatlichen Tun bzw. den Argumenten all derer, die unter anderem in der NATO eines der unverzichtbar wichtigen Instrumente ihrer Supranationalitätspolitik sehen.

Und was ich sehe, ist Verblendung oder Verlogenheit. Sie zeigt sich darin, daß alle Welt sich ausschließlich nurmehr auf die Deklamation holzschnittartiger ´Wahrheiten´ über ihre Motive versteift, wo immer sie sich äußert.

Daß man die Völker und Nationen dieser Welt - also die Menschen, soweit sie in diesen beheimatet oder aus ihnen in die Heimatlosigkeit getrieben worden sind - mit allem Respekt (der ihnen unserem Menschenrechtskatalog zufolge doch eigentlich gebührte) und wirklich ausdrücklich wieder und wieder fragte, ob sie überhaupt inter-, ja supranationale Staaten-Ordnungen wollen, und wenn ja, was alles sie sich diesbezüglich wünschen...

... und daß man auch nur in Ansätzen öffentlich erörterte, was der Weg in Gegenwart und Zukunft wirklich heißt, den man da eingeschlagen hat - nämlich Krieg, Krieg und wieder Krieg, geführt im Dienste eines ´partnership for peace´, wie die diesbezüglich neueste Konzeption sich nennt -, sehe ich ebenfalls nicht.

Die Funktionsstellenträger dieser Welt tun, was sie für richtig halten. Niemand kann etwas anderes.

Seine Verantwortlichkeit für das, was einer jeweils für richtig hält, ist jedoch immer eine Frage des kommunikativen Radiusses, den einer zu schlagen bereit und auf der Suche bleibt.

Er scheint mir in diesen Wochen bei allen, die öffentliches Gehör genießen, bestürzend eng geworden.

Wir alle lassen es mehr oder minder unbesehen bei der alten paradoxen Prämisse, über der schon unsere Nationalstaatlichkeit wieder und wieder in Sackgassen geraten ist:

Wo der Raum für Demokratie als einer der Wurzeln dieser Nationalstaatlichkeit eng werde, bedürfe sie des Diktats... - Und in der Gegenposition: Nur das Diktat dieser oder jener Provenienz bewahre Nationen vor den schädlichen Einflüssen namentlich demokratisch fehlgeleiteter Volksmassen...

Ich sehe bei allem Alten und bei allen Neuen die nahezu gleichermaßen verbreitete Vorstellung als oberste Handlungsdirektive: man könne nicht im Vertrauen darauf leben, daß sich alles so oder so frei assoziiere oder auch dissoziiere. Wer solches propagiere, öffne einem unendlichen wechselseitigen Schlachten Tür und Tor.

Stattdessen seien Ordnungen durchzusetzen, notfalls mit Gewalt. Nur sie bewahrten die Menschen vor allzu verbreiteter Dummheit und vor Verbrechen aller Art. Wo alle Welt mit aller Welt verflochten sei, seien nur Großgebilde lebensfähig. Ihre Bildung gälte es zu fördern , ihren Zerfall zu hindern.

Ich bestreite Vorstellungen dieser Art entschieden.

Ich halte die Menschen nicht ´sogenannt mehrheitlich´ für dumm und entsprechend führungsbedürftig.

Sie assoziieren sich, wo sie Vorteile für sich sehen und verleihen dem, der für bestimmte Vorteilsstrukturen steht, auf diese Weise Macht - weil sie wissen, daß sie viel zu wenig wissen, um mehr als ihren begrenzten Vorteil ins Auge zu fassen zu können. Wo nicht, ziehen sie sich zurück und bringen so überkommene Gefüge in Bewegung.

Wo sie andere Vorteilsstrukturen als die, die aus diesen oder jenen Gründen gerade in aller Munde sind, gar nicht für möglich halten, weil sie untereinander viel zu wenig Raum lassen für Denkalternativen, gibt es zeitweilig selbstredend nichts als Einbahnstraßen.

Und Einbahnstraßen haben nun einmal etwas Frustierendes.

Unter Menschen (ganz gleich ob in Familien, sonstigen Gruppierungen, Staatsnationen oder im Rahmen supranationaler Institutionen) entstehen solche Einbahnstraßen meinem Empfinden nach immer dann, wenn sie sich zu immer größeren Teilen darein versteigen, sich wechselseitig allenfalls noch in Randbereichen für das zu schätzen, was sie einander sein können.

Dergleichen macht verächtlich und aggressiv - jeden einzelnen im Geflecht der gruppendynamischen Prozesse, an denen er so oder so seinen Anteil hat.

Und ich bestreite als eine der in meinen Augen zentralen Vorstellungen hinter all dem die Vorstellung, wirkliche Geltung und Überlebensmöglichkeit in der Welt besäße nur der oder die oder das Große.

Und Frieden, ehrlicher wohl Nichtkrieg, gäbe es nur im Großen, in einer Pax Romana oder Americana oder sonstwie ´organisatiana´...

Jedes hat seine Eigenart und in seiner Existenz seine Berechtigung. Und alles hat eine Zeit, in der es wächst, und eine Zeit, in der es verfällt und Neuem Platz macht. Seine Zeit.

Ob jene Spupranationalität, für deren weitere Herausbildung die verschiedenen südslawischen Völker mit ihren Konflikten und andere derzeit den Katalysator abgeben müssen, weil wir es so wollen oder nicht anders zu können meinen, nun wirklich ihre Zeit haben wird, wird sich erweisen.

Es hängt an unserer mehrheitlichen direkten oder indirekten (wie zur Zeit) Zustimmung zu einer solchen Perspektive.

Oder eben an Denk- und Handlungsalternativen, die eine wachsende Zahl von Menschen zu entdecken und zu entwickeln sich aufmacht.

Der nato-seits schon seit Jahren und nun mit deutlich schärferen und machtbewußteren Akzenten beschrittene Weg wird von denen, die ihn führend mitvollziehen, als der denkbar friedensträchtigste, jedenfalls friedensorientierte gesehen und propagiert.

Ich sehe diese Friedensträchtigkeit nicht.

Ich halte die Hoffnung hinter den NATO-Aktivitäten, wenn sich nur eines Tages machtvoll herbeigeführterweise alle Völker und Staaten dieser Welt zu den gleichen Verfassungsprinzipien bekennten wie wir, gäbe es auf diesem Globus nicht mehr nur Friedensinseln, sondern ein einziges großes Friedensreich der Demokratie und der Menschenrechte sogar für noch mehr als einen Wahn.

Ich halte diese wie Hoffnungen vergleichbarer Art für jenen – typisch zeitgenössischen und kulturkreisbezogenen, ideologischen - Treibstoff, ohne noch kein Krieg dieser Welt geführt worden ist oder je werden wird.

Gleichwohl glauben wir, uns seiner bedienen zu dürfen und zu sollen. Es ist ja für den Frieden!

Aber natürlich wissen wir, daß das vor uns liegende Jahrhundert unübersehbarerweise wachsende Ressourcenknappheiten für uns bereithalten wird und daß sich in seinem Verlauf alte wie neue Zugriffsmöglichkeiten und –rechte auf den Ressourcenpool dieser Erde zugunsten anderer verschieben könnten, ja mit Sicherheit verschieben werden, wenn wir dem keine Riegel in den Weg schieben.

Die NATO ist kein Friedensinstrument und kann es aus einer Fülle von Gründen auch gar nicht sein. Sie ist ein Selbstbehauptungsinstrument wie jede nationalstaatliche Armee traditionellen Zuschnitts oder jede Untergrund- und Bürgerkriegsarmee auch!

Die Größe einer Assoziation ändert doch nichts daran, daß sie nicht weniger zuvorderst sich selbst und ihre Interessen (im Rahmen ihrer internen Einflußhierarchien natürlich) im Auge hat wie die alten Nationalstaaten auch!

Mehr und anderes von irgendeiner Assoziation dieser Welkt zu erwarten, schiene mir einigermaßen töricht.

Wenn und wo es nur noch um Selbstbehauptung geht, brauchen Menschen Machtinstrumente - unter ihnen die NATO eventuell.

Der Kriegsfall ist da, wo die Selbstbehauptung die Tagesordnung einnimmt - selbst, ja, gerade dann, wenn wir nicht sehen können und wollen, daß es um sie geht.

Das war in der Vergangenheit so. Und es ist im gegenwärtigen Jugoslawienkrieg nicht anders. Und zwar auf beiden bzw. allen Seiten!

Und weil ich das so sehe, mein Anliegen:

Wenn und solange es um mehr geht als um solche Selbstbehauptung am Rande möglichen Abgedrängtwerdens in diese oder jene Benachteiligung ...

... - wenn es tatsächlich um Demokratie und Frieden in unserer Welt gehen sollte, also einfach um gleiche Spielräume für alle, dann müssen wir alle lernen, mit Konfliktlagen, die uns so oder so umtreiben und die uns im Mitfühlen mit leidenden Menschen den Schlaf rauben, namentlich, wenn sie vor unserer Haustüre geschehen, anders umzugehen, als wir das auf dem Weg zu unserer Nationalstaatlichkeit gelernt haben.

Unser Weg dahin war denkbar blutig, und er hat uns auf eine Friedensinsel geführt, die sich nun gegen ein allfälliges neues Überspültwerden so machtvoll wie möglich aufzublasen im Begriff ist. Unser Weg dahin war selbstredend auch ideologisch, und er ist es noch gegen alle Deklamatoren eines sogenannt nachideologischen Zeitalters.

Unser Weg ist noch immer bzw. wieder der des Machtgebarens und nicht der der Demokratie.

Denn wir trauen den Wertordnungen, für die wir da lautstark einzutreten uns bewaffnet haben, nicht mehr als allerhöchstens drei Schritt weit!

Ebenso wenig wie ´einst´ ´die´ Marxisten vor und neben uns den ihren. Oder ´die´ Christen, Moslems, Islamisten und wie sie alle heißen mögen - und ebensowenig wie jeder einzelne von uns je in Zeiten dieser oder jener Bedrängnis.

Wir sind Menschen und bleiben es. Wir sind hochfahrend und kleingläubig, wir beflügeln einander und wir knechten einander, und wir sind ebenso logikversessen wie inkonsequent... und mit unser größtes Handicap sind die Täuschungen und Selbsttäuschungen, denen wir aufsitzen...

Das einzige Korrektiv für alle unsere Verirrungen ist, wie mir scheint, wieder und wieder nichts als dieses oder jenes Stückchen Aufrichtigkeit:

Wo einzelne, Gruppen, Nationen oder supranationale Organisationen auf Machtansprüche, Einschüchterungen und Vorgaben nicht verzichten wollen, sollten sie nicht von Demokratie oder Frieden reden. Sie lögen in diesem Falle unweigerlich, sie belögen sich selbst und alle, an die sie sich wenden.

Nur wenn wir dem, was uns wirklich treibt, ins Auge zu sehen bereit sind, können wir sehen lernen, daß es sich von dem, was andere treibt, deren Verhalten wir nicht akzeptieren können und wollen, gar nicht so sehr unterscheidet.

Und nur, wenn wir dergleichen sehen wollen, sind wir in Ansätzen das, was man ´friedensfähig´ oder gar ´friedfertig´ nennen könnte.