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 Essay april 1999


Thesen




auf dem derzeitigen Balkan und anderswo




 

 

 

Europäer, mittlerweile auch Nordatlantiker, und Türken behandeln sie bis heute als Außenposten ihrer jeweiligen kulturellen und strategischen Interessensphären. Für Zimperlichkeiten lassen sie dabei keinen Raum, sobald es für sie so oder so um in ihren Augen Entscheidendes geht.

 

 

Die unausbleibliche Folge - nicht anders als im Nahen Osten auch: ein denkbar unüberschaubares und vielfältig ressentiment-trächtiges, ja Blindwütigkeiten erzeugendes Knäuel von Interessen, Aktionen und Rechten, wie es aus ´implementierten´ - das aktuellste unserer Un-Worte(!)- Kräfteverhältnissen unausweichlich resultieren muß!

Kroaten, Slowenen, Serben, Montenegriner, Bosnier, Kossovaren, Makedonen und Albaner leben bereits seit Jahrhunderten auf einer Geröllhalde vielfältigster Demütigungen!

Und es waren und sind unzählige ´Implementierungen´ europäischer, türkischer und nun auch nordatlantischer Provenienz, die die eingangs genannten Völker wieder und wieder in Verirrungen treiben, mit denen ihr Umfeld nicht anders umzugehen weiß und auch nicht anders umgehen will als mit einer aktualisierten Version dessen, was es in dieser Randzone seiner Interessensphären schon immer gemacht hat: sich einzumischen.

National-Chauvinismen, wie sie sämtliche südslawischen Völker - insbesondere auch nach dem Tode Titos und dem Zusammenbruch des Ostblocks- wieder entwickelt haben, sind doch keine balkanische Erfindung! Sie sind ebenso gezielte wie

 

 

unabsichtliche ´Implementierungen´ des imperialistischen Zeitalters. Und sie gehören in den Kontext industrialisierungsgeschichtlich bedingter Nationalstaats-Konzeptionen und -Rivalitäten, die man dieser Region in Versailles endgültig aufgedrückt hat, obwohl sie weder den nationalen noch den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, die das Leben dieser jahrhundertelang fremd beherrschten Völkerschaften ausmachten, entsprachen.

Woher der Glaube, und woher vor allem der Anspruch, jene Überwindung nationalstaatlicher ´Weltordnungen´, wie sie sich, wieder industrialisierungsgeschichtlich bedingt, in den entsprechend weit entwickelten Regionen dieser Welt seit längerem vollzieht, habe nun auch und sofort und aus dem Stand allen gebeutelten Völkerschaften dieser Welt in der gleichen Weise und im gleichen Maße einzuleuchten wie uns?

Was, bitte, weiß ein Mensch mit gänzlich anderen historischen Erfahrungen als denen ausgesetzten Lebens in kulturellen und strategischen Randzonen von den Problemen der Menschen dort wirklich? Vor allem dann, wenn er immer mehr sein will als ein mit größter Aufmerksamkeit und Achtung zuhörender und die Grenzen respektvollen Gedankenaustauschs nicht überschreiten wollender Gesprächspartner?

 

 

 

 

- Doch nur, daß er selbst sich dankenswerterweise mittlerweile in einem inner- und zwischenstaatlichen Strukturgefüge bewegen kann, innerhalb dessen sich blutige Konfliktaustragungsmechanismen erübrigen - aber auch nur dort!

 

 

Nach außen hat sich auch an unserer ultima ratio bei der Verfolgung unserer Ziele nichts geändert: sie besteht nach wie vor in militärischer Gewaltanwendung!

Und würden sich eines Tages im Innern jener Gefüge, die uns heute Frieden und Wohlstand und wechselseitige Achtung garantieren, Konflikte wieder einmal so anhäufen, daß wir uns über ihrer Sprengkraft ähnlich entsetzen müßten wie heute über der Sprengkraft der Ängste, die die südslawischen Völker unserer Tage einmal mehr umtreiben, so würde sich auch innerhalb dieser Gefüge die Frage nach unserer ultima ratio wieder wie in alten Zeiten stellen.

Vergessen wir doch bitte nicht, auf wie vielen Kriegstoten all das in Europa seit dem Mittelalter zusammengekämpft worden ist, was zunächst nur staatliches Gewaltmonopol, dann Großmächte-´Konzert´, dann Weltmächte-Rivalität und erst viel später auch supranationales Institutionengeflecht geworden ist!!!

 

 

Aber gerade, weil uns umtreibt, was sich da am Rande Europas an unsäglichem Leiden derzeit wieder einmal anhäuft, dürfen wir uns nichts vormachen:

Unsere Vorfahren haben jahrhundertelang Europa und die Welt zusammengerauft. Glauben wir doch nicht heuchlerisch, sie und wir stünden damit besser da als die ´Tucmans´ oder ´Milosevics´ heute! Und das nicht erst, seit namentlich wir Deutschen die europäische ´Errungenschaft´ des Nationalismus sozialdarwinistisch und rassistisch aufgegipfelt haben!

War beispielsweise Bismarcks Weg zur Gründung des lang ersehnten deutschen Nationalstaates wirklich so anders als der der Kroaten und Serben gestern und heute? Nur weil Bismarck infolge günstigerer Voraussetzungen, also Ziel-Möglichkeiten-Relationen, und einer anderen Persönlichkeitsstruktur nicht so grausam zu sein ´brauchte´, wie seine balkanischen alter egos heute?

Und der Kampf der Alliierten des 2. Weltkrieges gegen die verbrecherische Hegemonialpolitik Deutschlands, Italiens und Japans? Auch ihm eignete doch eine moralische Verfehltheit, die uns erschauern machen müßte! Dieser Kampf nahm schließlich nicht nur einen stalinistischen Bündnispartner in Kauf, der Millionen gemordeter ´innerer Feinde´ zum Fundament seiner Diktatur gemacht hatte und weiter machte, er nahm vor allem in Kauf, daß diese Diktatur vermittels des Kampfes gegen Hitler den Sprung zur Nachkriegs-Supermacht schaffen konnte! Und er nahm in Kauf, daß so die Wurzeln für jenen Ost-West-Konflikt gelegt wurden, der das folgende halbe

 

Jahrhundert lang weitere zig Millionen Tote in aller Welt fordern würde! All diese Kämpfe, sie wollten und sollten den Menschen dienen und ein Leben in Freiheit ermöglichen. Und zum Teil haben sie das sicher auch getan. Nur: waren - und sind - es nicht absolut ungeheure Berge von Leiden und Tod, die relativ wenigen glücklichen Völkern den Unterbau zu liefern hatten und haben für ihre ´Freiheitsinseln´? Unsere Hoffnung, sie seien die Keime einer eines Tages weltumspannenden Freiheitsordnung beruhigt diesbezüglich unser Gewissen schon in einem frappierenden Maße!! Was, wenn wir uns die Wahnhaftigkeit dieser Hoffnung eines Tages ebenso eingestehen müßten wie die Völker Jugoslawiens heute die Wahnhaftigkeit ihrer nationalistischen Machtstaatsperspektiven?

Die Strukturen, in denen sich die südslawischen Völker heute zurechtfinden und innerhalb deren sie ihre Perspektiven gegenüber dem finden müssen, was schließlich auch uns unter dem Stichwort ´Globalisierung´ nicht unerheblich zu schaffen macht, sind bisher immer nur in kläglichen Teilen wirklich selbstbestimmt gewesen. Was Wunder, daß das die Sachlage erschwert - und ganz sicher mehr, als wir uns das in der Regel vorzustellen vermögen.

Das rechtfertigt nicht die Wege, auf die sich die verschiedenen Akteure der Szene dabei schon seit Jahren auf das Entsetzlichste verirren... - wie es denn für Gewalttätigkeiten überhaupt und nie eine Rechtfertigung gibt!

Aber Ungerechtfertigtes, ja Verbrecherisches läßt sich nicht dadurch bändigen, daß man es als ungerechtfertigt und

 

verbrecherisch bekämpft. Unterdrücken läßt es sich nur um den Preis vordergründiger Vernichtung.  – Ein Scheinsieg immer! Denn es entsteht nicht deshalb, weil wir es zulassen. Und es unterbleibt nicht deshalb auf Dauer und aus Einsicht, weil wir es nicht zulassen, also im Eventualfall gewalttätig zu unterbinden suchen. Es entsteht, weil und solange die Beteiligten nichts Besseres wissen! Wieder und Wieder. Solange, bis neue Perspektiven ein neues Verhalten freisetzen.

 

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie Deutschland seine Kapitulation am Ende des 2. Weltkrieges verwunden hätte, hätte es den Ost-West-Konflikt nicht gegeben? Was wohl hätten ´wir gelernt´?

Wo kommen sie denn her, solche neuen Perspektiven? Doch entweder - wie im Falle Nachkriegsdeutschlands - aus neuen Feindbildern, die die Kräfteverhältnisse umwerten und so eine Neuorientierung des Verhaltens und der Wertvorstellungen ermöglichen, weil der ´Gesichtsverlust´ darüber nicht mehr das Hauptthema bleibt. Oder aber aus tatsächlich entstehenden neuen Spielräumen.

Letztere fallen selbstredend nicht vom Himmel. Sie werden entweder brachial erkämpft wie derzeit durch die Serben, die UCK und intendierterweise auch durch die NATO. Der so allseits angerichtete Spielraum der Massengräber und der ver

 

 

brannten Erde ist natürlich ein Wachstumsraum par exellence - nur: für wessen und welche  künftigen Spiele?!

Oder aber sie erwachsen aus dem, was allein Menschen Spielraum gibt und läßt: aus wechselseitiger Achtung - nicht obwohl wir uns alle so leicht in Ausweglosigkeiten verstricken, sondern weil wir alle nicht und nie gegen sie gefeit sind!

Weder ein Hitler, noch ein Pinochet, ein Hussein oder auch ein Milosevics hätten es je zum Aufbau ihrer jeweiligen Diktaturen gebracht, wäre ihren Völkern die Achtung ihrer Mitwelt in jenem Maße zuteil geworden, das noch das verirrteste menschliche Einzel- wie Gemein-Wesen von seinesgleichen verdient, eben weil es nicht prinzipiell irrtumsanfälliger wäre als irgendein anderes, sondern eben einmal gerade in einer Situation steckt, die ihm phobisch-aggressive Reaktionsweisen nahelegt!

Wie gehen wir denn mit den zu unseren Perspektiven nicht findenden Völkerschaften des zerbrochenen Nachkriegsjugoslawien um? Wir sehen die Aggressionspotentiale und das Blutvergießen - und verstehen reichlich wenig. Unser Entsetzen unterziehen wir dabei kaum einer näheren Bertachtung. Wir urteilen einfach. Und wir handeln natürlich. Denn ´tatenlos´ zu bleiben, wo wir ratlos sind und ohne wirkliche Kompetenz, das halten wir nicht aus!! Also stochern wir allerlei Vorgaben machend im Konfliktknäuel (nicht nur) jener Region herum - ohne Gespür dafür, wieviel von der Dankbarkeit, die wir dafür ernten, ihrerseits das Licht moralischer Wägung zu scheuen hat... Falls wir dergleichen überhaupt ernten und nicht ganz etwas anderes!

 

Kein Gedanke daran (zumindest keine Rede davon), daß dieses Herumdoktern für die betroffenen Völker eine Demütigung nach der anderen bereithält.

Kein Gedanke daran (zumindest keine Rede davon), was gerade die Staaten Europas darüber wissen müßten, wie wenig Nationalchauvinismen welcher Art auch immer einfach das Werk einzelner genannt werden können, die man dafür verteufeln kann!

Vor wie nach 1918 erwuchsen solche Nationalchauvinismen aus der Angst aller jeweils konfliktbeteiligten Gesellschaften, die Umstellung auf die neuen Weltverhältnisse nur um den Preis erheblichen eigenen Bedeutungsverlustes zu überstehen. Und sie tun es heute auf der Wende zum 3. Jahrtausend an vielen Orten der Welt nicht minder aus eben solcher Angst.

Solche Angst macht blind gegenüber den Möglichkeiten, alte Hypotheken auch unter den sich verändernden Umständen noch weiter bewältigen zu können, und folglich unduldsam. - Kein über den beiden Weltkriegen dieses Jahrhunderts einmal wirklich nachdenklich gewordener Europäer, der von dieser Angst nichts wüßte und auch nichts davon, wie eng sie mit industrialisierungsgeschichtlich bedingten politischen Ordnungsmodellen und eng werdenden oder gewordenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen einerseits und mit mächtepolitischen Kräfteverschiebungen andererseits verwoben ist!

 

 

Wo solche Angst verteufelt wird, weil sie starr macht und verzweifelt und fixiert auf scheinbar erfolgversprechende Befreiungsschläge, wird ihr phobisches Verhalten denen, die diese Angst haben, gerade nicht fragwürdig! Es erhält so nur jene Bestätigung, die den Rechtfertigungsgrund abgibt für eine je länger je entschlossener gesteigerte Verbissenheit!

Kein Gedanke daran (zumindest keine Rede davon), daß die Angst der südslawischen Völker ebenso sehr auch unsere Angst ist, nicht nur, weil uns Angst macht, daß wir ihre Folgen nicht wirklich ´stoppen´ können und daß uns einholt, wozu wir uns verstiegen haben: der Krieg...,

 

 

... sondern weil wir wissen, daß auch wir verwandte Ängste haben und gesellschaftliche Minderheiten, mit denen knapp Gewordenes zu teilen wir uns eines Tages als genau so unfähig erweisen könnten wie die Völker Ex-Jugoslawiens heute...

 

Und folglich auch kein Gedanke daran und erst recht keine Rede davon, daß die lange Ahnenreihe unserer Mitschuld an jener Blindwütigkeit, mit der die südslawischen Völker sich beargwöhnen und bekämpfen (seit ihre Zukunft globalisierungsbedingt ebenso zur Disposition steht wie die unsere, nur beeinträchtigt durch das Gestrüpp wesentlich ungünstigerer Voraussetzungen), uns eine Bescheidenheit im Urteil, im Auf

 

treten und in unseren Zielsetzungen auferlegen sollte, die die Rolle dessen, der sich eine hybride Vorgabe nach der anderen ausdenkt und sie ´verantwortlich´ ins Spiel zu bringen versucht, endlich bewußt drangibt!

Der Stolz der Menschen, selbst wo er sich aus verhängnisvollen Verirrungen speist, läßt dergleichen zurecht nicht zu: Wer von anderen Kurskorrekturen und Fehlererkenntnis verlangt, wird zumindest solange erfolglos bleiben, wie er nicht ebenso grundsätzlich seine eigene Position auf den Prüfstand legt wie jene seines Gegners.

 

Ungeheuerlich ist, was insbesondere Serben sich in diesen letzten Jahren des Umbruchs vorgesetzt haben und in den letzten Monaten auf Spitzen treiben, die uns den Schlaf rauben.

Ungeheuerlich ist aber auch, daß wir spätestens seit Milosevics´ Aufstieg von diesen Zielen und den sie untermalenden Nationalchauvinismen aller südslawischen Völkerschaften Kenntnis haben, die Frage nach deren Wurzeln jedoch geradezu prinzipiell dann ausklammern, wenn es zu beleuchten gälte, wie sehr von außen konditioniert wurde und wird, was sich da zusammengebraut hat.

Unsere Konditionierung heißt Einmischung. Und sie heißt Hochmut. Und nicht zuletzt heißt auch sie Angst.

 

 

Und sie folgt der gleichen Philosophie wie jene, die sie zur Räson bringen will: es gäbe Konfliktverursacher und es gäbe Konfliktopfer. Gedacht werden sie, als bewegten sich beide in getrennten Welten: denen von Schuld und Unschuld, weswegen selbstredend den ´Unschudigen´ zu ihrem Recht verholfen werden müsse, in letzter Konsequenz mit Gewalt, versteht sich. Ihr Leiden wiege schwerer als das der ´Schuldigen´, namentlich wenn Völkermordkategorien erreicht seien.

Jede Einmischung verdankt sich einer solchen Philosophie und jeder Krieg ganz gewiß und nicht zuletzt jeder Völkermord!

 

Und wir sehen es nicht und wollen es nicht sehen.

 

 

Denn ´wir´ haben ja gelernt aus der Geschichte. ´Wir´ haben ja unseren Nationalismus und unseren Sozialdarwinismus und unseren Rassismus überwunden. Die südslawischen Völker nicht. ´Wir´ glauben, begriffen zu haben, daß man verbrecherischen Diktaturen wehren müsse. Europa trete seine Werte und Errungenschaften mit Füßen, wenn es zulasse, nicht tatkräftig verhindere, was sich derzeit an ´anachronistischer´ Barbarei auf seinem Boden vollziehe. - Und wir können nichts mehr fühlen und denken als diese Verbrechen - und unsere Verantwortung.

 

Verantwortung nicht im Zusammenhang ihrer Entstehung!!! Sondern Verantwortung für ihre Verhinderung!

Und ´wir´ sind zu Vorzeigeschülern und mittlerweile führenden Vertretern supranationaler Weltordnungsideen geworden, die wir (ein Stück weit gewiß zurecht) für friedensträchtiger halten als die nationalen. Daß sich dem in Europa auch nur ein Volk nicht anvertrauen will und verzweifelte eigene Wege sucht, erklären ´wir´ für inakzeptabel - mit immerhin begrenzt guten Gründen, gewiß, aber voller Anmaßung und ungerecht...

 

Wir zucken zurecht zusammen, wo immer es um Völkermord geht, denn seine Maßlosigkeit strapaziert unser Begreifen und unsere Verantwortlichkeit maßlos!

Dennoch ereignet er sich von Zeit zu Zeit in der nicht oder irrig bearbeiteten Konsequenz bestimmter massenpsychologischer und materieller Konfliktlagen. - Sie genau zu studieren hatten namentlich wir Deutschen nun spätestens seit einem halben Jahrhundert denkbar beunruhigenden Anlaß. Unsere inzwischen zum Gemeingut erhobene These jedoch, die mangelnde Gegenwehr gegen das Unrecht insbesondere des NS-Regimes habe dessen ´Erfolg´ ausgemacht, ist ja nun wirklich mehr als eine - noch dazu eher vordergründige - Teilwahrheit nicht! Auf sie jedoch ist unser Wissen von den Zusammenhängen in diesen Tagen emotionaler Aufgewühltheit ganz offenbar geschrumpft!

 

 

Entsprechend erscheint es uns als ein - durchsetzbares - Kriegsziel von geradezu neuartiger Integrität, den gegenwärtigen Völkermord auf dem Balkan aufhalten zu wollen, und nichts als das.

Aber weder sind wir, die wir uns ihm militärisch in den Weg stellen wollen, unserer eigenen Fehlhaltungen in Vergangenheit und Gegenwart wegen integer genug für ein solches Unterfangen..., dessen Mittel überdies jeder Integrität entraten...

... noch besteht wirklicher Einfluß auf Vertreibungs- und Mordkommandos, bevor eine Gesellschaft bzw. ein Staat, die einen solchen Weg gehen, nicht zur vollständigen Kapitulation gezwungen worden sind. - Bis dahin bestärkt man, wo man militärisches Einschreiten ins Werk setzt, beide nur in ihrem verbrecherischen Treiben - wie wir alle nun seit annähernd 4 Wochen verzweifelt wahrhaben lernen müssen - wieder einmal!

 

 

Denn es bildet wohl eine der fatalsten unserer Lebenslügen, uns und die Welt glauben zu machen, Hitler und seine Anhänger hätten den Krieg nicht angesteuert, wenn man ihn ihnen nur frühzeitig genug aufgezwungen hätte - bzw.: ein ´rechtzeitiger´ Präventivkrieg gegen sie hätte Hitler zum Einlenken gezwungen, seine Diktatur damit ausgehebelt und so Auschwitz verhindern helfen...

 

Hitler und seine Anhänger wollten den Krieg. Und sie wollten Auschwitz. Und beides, wo nicht um den Preis des Sieges, so um den des Unterganges.

Und sie wollten nicht zuletzt deshalb den Krieg, weil sie Auschwitz wollten. Denn die Juden waren in ihren Augen die tödlich gefährlichen Verursacher des weltweiten Geltungsverlustes der Deutschen seit 1918 und 1929.

Und die Welt gab ihnen in ´gerechter Empörung´ genau das, was sie wollten: sie nahm diesen Krieg an, ungeachtet der zig Millionen Menschenleben, die er kosten würde! Sie lieferte Hitler und seinen Anhängern damit den Feind, ohne den für Auschwitz kein Anlaß bestanden hätte, der die Energien für einen millionenfachen Mord hätte freisetzen können...

 

Alle Diktaturen dieser Welt leben zuerst und zuletzt von ihren Feinden. Sie ´verhungern´ über kurz oder lang in ihrem Machtanspruch, wenn man sie in diesem Punkt und mit all ihren Ansprüchen einfach ins Leere laufen läßt - innen wie außen, geduldig und beharrlich und je länger, je mehr...

 

Dergleichen ist nicht leicht. Dazu braucht es Phantasie. Vor allem aber selbstbewußte Menschen und selbstbewußte Völker, die der Bedrängnis den Vorzug geben vor dem Tod, weil sie wissen, daß die Verkrustungen unter anderem diktatorisch

 

verstellter Lebenswelten nie und auch nicht auf größere Dauer das letzte Wort sind.

Alles unterliegt der anarchischen Kraft der Veränderung. Sobald sich alle Gegner beispielsweise einer Diktatur als Elemente dieser Kraft verstehen, jeden Riß aufspüren und ihn mit unverstelltem, ohne jede Feindseligkeit in sich ruhendem Leben erfüllen - mit der ganzen Findigkeit, die wir Menschen zu entfalten vermögen, wenn wir unserem Fühlen und Denken erst einmal eine Richtung und ein Ziel gesetzt haben -, braucht es keine Gewalt. Es wird einfach von uns fallen, was uns zeitweilig so eingeengt hatte.

Haben wir schon wieder vergessen, daß es etwas gibt, was wir vor knapp zehn Jahren ´sanfte Revolution´ getauft haben? Und haben wir nicht begriffen, daß dergleichen möglich wurde, weil sich einfach eines Tages nicht mehr übersehen ließ, wie funktions-untüchtig war, was 70 Jahre lang nie wirkliche Lebensfähigkeit gewonnen hatte? Und haben wir nicht wenigstens einmal darüber nachgedacht, daß und wie sehr es vermutlich gerade die Feindstellung der Systeme war, die diese Wahrnehmung jahrzehntelang verhindert hat - schien sie sich doch zu erübrigen über der ´Herz-Lungenmaschine´ jener Jahre aus weit mehr als 100 ´Stellvertreterkriegen´ der Nachkriegszeit? Schließlich hat uns die Gegenhypothese ja auch viel besser gefallen: die vom ´Sieg´ des Kapitalismus infolge seiner größeren Integrität und Effektivität und seiner

 

 

 

Politik der Stärke! Aber ist, womit wir uns da schmeicheln, auch wahr?

Wer den Menschen und Völkern, mit denen er es zu tun hat, die grundsätzliche Verfügbarkeit eines solchen Selbstbewußtseins nicht zutraut, wird auch nicht auf es stoßen! Ja, er wird es eben durch seine verächtliche Skepsis täglich neu zerstören.

Ich rede hier keiner Blauäugigkeit das Wort. Wer einem anderen wirklich Produktives zutraut, ohne ein Gefängnis blauäugiger Erwartungen um ihn und mehr noch um sich selbst zu errichten, läßt sich und ihm endlich jenen Raum, dessen jeder von uns zutiefst bedarf und der ihm Blindwütigkeiten nicht mehr aufnötigt.

Hier haben wir unser Korrektiv für unsere Verirrungen und nirgends sonst!

 

 

Der Versuch einer Friedenspolitik, die in der Prolongierung oder Neuakzentuierung ´geeigneter´ Machtgefälle die Gewähr für die Verhinderung politischer Verbrechen wie für ein produktives Miteinander von Menschen und Völkern sieht, respektiert kein Volk in seinem Selbstbestimmungsrecht und Geltungsbedürfnis wirklich und demütigt ihre Kontrahenten damit täglich neu. Sie schafft sich auf solchem Wege niemals gleichberechtigte, von phobischem Geltungsdrang freie Partner. Und

 

sie behindert die Entfaltung jenes selbstbewußten Menschentums, vor dessen frei gewordenem Blick Diktatoren keine Chance haben!

Wenn nämlich ohne Bunkermentalität in die Welt blickende Menschen in etwas wohlgeübt sind, dann darin, sich diversesten lästigen, weil unangemessenen Ansprüchen an sie zu entziehen. ´Innere Kündigung´ nennt man das auch. Sie ´gelingt´ im Sinne einer Unterlaufung und Aushöhlung von unerträglichen Systemen überall dort in ganz besonderer Weise , wo der ´Feind´ eines solchen Systems für seine Protagonisten nicht mehr auszumachen ist, weil die Nichteinverstandenen hochbewußt den Schein zu wahren wissen.

Es gilt, ein wichtiges Paradox zu begreifen: Wer Diktaturen mit Gewalt stürzen will, ganz gleich ob von innen oder von außen, wird im Falle seines ´Sieges´ nichts als ein hier oder anderswo nachwachsendes Gorgonenhaupt abgeschlagen haben. Und bis dahin liefert er diesen Diktaturen jenen Feind, der sie und jede Steigerung ihrer inneren und äußeren Unduldsamkeit ´rechtfertigt´.

Nur wer einer einmal eingerichteten Diktatur ohne jede so oder so empörte Feindseligkeit mit hochkonzentrierter Konsequenz ausweicht - innen wie außen - und all seine sonstigen Interessen zugunsten dieses Ausweichens mit ebensolcher Entschiedenheit und Opferbereitschaft zurückstellt, wie er sonst Krieg zu führen bereit wäre - wenn denn Krieg etwas anderes wäre als ein verzweifeltes Auswiegen und Umverteilen

 

 

von Leichenbergen -, wird erreichen, daß von Tag zu Tag weniger zieht, was die Protagonisten wie die Anhänger einer Diktatur von ihren Völkern und ihren Nachbarn wollen!

 

 

Wer den Atem nicht aufbringen will, Auseinandersetzungen von solchem Selbstbewußtsein her und auf ein solches Selbstbewußtsein hin zu führen (weil er noch im heillosesten Streit um unerträgliches Verhalten im Auge behält, daß unser aller Würde im ganz unmittelbaren Wortsinn gerade darin besteht, daß unserem Menschsein Potentiale eignen, die wirklich auszuschöpfen uns allen immer nur punktuell gelingt, aber dann nicht selten um so strahlender), der wird wieder und wieder nur ´Wind säen und Sturm ernten´.

Wer innerhalb wie außerhalb Restjugoslawiens nicht selbst-bewußt - also mit den Wurzeln der Fehlbarkeit allen Menschseins vertraut - genug ist, um zu sehen, wieviel und welche Not die Menschen-Schinder der Region zu ihrem Tun treibt (weil er sich abverlangt, allein zugunsten der dabei derzeit meist geschundenen Kossovaren ´parteiisch´ zu sein): von dem kann nichts Heilendes ausgehen!

 

 

 

 

Wer nicht im Auge behält, daß kein menschliches Einzel- oder Gemeinwesen einfach platterdings deckungsgleich ist mit dem, was ihm gelingt oder was es verfehlt, weshalb auch noch der, der sich schlimmste Verbrechen zuschulden kommen läßt und auf die Seele lädt, nicht einfach nichts ist als ein Verbrecher, der verfehlt seinerseits jene unerläßliche Bescheidenheit und Achtung, ohne die Frieden und Versöhnung nicht wachsen können.

 

 

Wer mehr will als einfach nur helfen, all jenen, die so oder so in Hilfsbedürftigkeit gefallen sind,...

...wer an die Strukturen heran will, die solche Hilfsbedürftigkeiten erzeugt haben, ...

...dessen erste Aufgabe ist und bleibt neben allem einfach helfenden Tun das Begreifen:

 

Begriffen werden muß in meinen Augen, daß an unseren mittlerweile rund zehnjährigen Buchstabierungsversuchen an einem Credo weltweiter wechselseitiger Einmischungen zugunsten der Menschenrechte nichts stimmt!.

Sie am allermeisten bleiben darüber nämlich auf der Strecke!

 

Begriffen werden muß, daß jeder Verrechtlichungsversuch politischer Menschenrechtsverletzungen über letztlich unerträgliche Beliebigkeiten niemals hinausgelangen wird.

 

Begriffen werden muß, daß Achtung und Ächtung nicht zusammengehen.

 

Begriffen werden muß, daß wir immer noch unserem eigenen Freiheits-Credo weder außen- noch innenpolitisch wirklich über den Weg trauen.

 

Für das Verfehlte in unserem eigenen Verhalten haben wir uns zu entschuldigen.

 

Auf weiteres Vorgaben-machen-Wollen haben wir Verzicht zu leisten - ebenso wie selbstredend auf den Krieg, in den wir uns verirrt haben. Auf der Stelle. Und ausdrücklich. Und ohne jede Bedingung.

 

 

 

Zwischen uns und Milosevics gibt es vorderhand nichts zu verhandeln, und vermutlich überhaupt nie etwas.

Zwischen uns und den Serben vielleicht eines Tages das, was zwischenzeitig an neuen Interessenübereinstimmungen entstanden sein und so oder so regelungsbedürftig werden mag.

Sonst nichts, vor allem keine Ordnung für ihren Staat und ihr Zusammenleben mit ...!

 

 

Also auch zu keinem Zeitpunkt das, was nach den überkommenen Kriegskategorien ´Friedensvertrag´ hieße ... - völlig überflüssig bei einem einseitig und bedingungslos eingestellten Krieg - jener einzig wirklich zukunftsträchtigen Novität am Ende eines Jahrhunderts schlimmster Kriege und Vertreibungen, die wir uns erarbeiten sollten!!!

 

Zwischen den Kossovaren und Milosevics gibt erst dann mehr als Schimärenhaftes zu verhandeln, wenn beide solche Verhandlungen in Freiheit miteinander zu führen bereit sind. Wo nicht, werden sie das Ihre weiterhin so oder so miteinander auszutragen haben.

Gewiß, die Kossovaren werden darüber nach Lage der Dinge auf derzeit unabsehbare Zeit weiterhin auf der Strecke blei

 

ben. Sie sind es längst, ohne daß wir es haben hindern können. Als sich das Unheil über ihren Köpfen zusammenbraute, haben wir zudem die falschen Akzente gesetzt.

Auch wenden können wir es nicht mehr.

 

Die effektive und ihnen mittelfristig dauerhafte Lebensmöglichkeiten eröffnende Linderung ihrer unermeßlichen Not ist nun einzig mehr das, woran wir die Tragfähigkeit unseres Menschenrechtscredos zu erweisen haben.

 

 

Wir haben den Kossovo nicht in der Hand, um ihn den Kossovaren zurückzugeben. Und wir werden ihn nur über einer Kapitulation Restjugoslawiens via Krieg in die Hand bekommen.

Noch wichtiger: der Kossovo gehört auch nicht in unsere Hand! Wie keine Region der Welt, die wir nicht selbst bewohnen!

Wer ihn bewohnen will, muß das mit denen aushandeln, die ihn ebenfalls bewohnen wollen.

 

 

 

Das war so seit Menschengedenken. Und es kann auch gar nicht anders sein. Denn kein Volk und keine Völkergemeinschaft hat Gebietsstreitigkeiten und/der ethnische Spannungen je gebessert dadurch, daß es bzw. sie sich daran gemacht hat, Gebiete zu vermakeln! Wieviel immer noch anwachsendes Leid über Generationen hinweg hat gerade diese Idee den Menschen im gesamten Nahen und Mittleren Osten eingetragen!

 

Wo sich zwei oder mehr Völkergruppen einen Lebensraum streitig zu machen beginnen, finden sie entweder zu neuem Konsens, oder sie trennen sich in dieser oder jener Form, oder sie vertreiben einander.

Das machen einzelne im Rivalisieren um Arbeitsstellen etwa und Firmen im regionalen wie weltweiten Wettbewerb nicht anders.

Und nie und nirgends auf dieser Welt wird das je anders sein.

 

Viele Vertreibungen oder Pleiten wären nicht notwendig, wenn alle Beteiligten rechtzeitig das Richtige begriffen hätten. Aber sie laufen nun einmal wieder und wieder auch in die Irre.

Was sollen da Vorwürfe und Selbstgerechtigkeiten, was der Glaube, dergleichen sei ausrottbar, anachronistisch geworden, am Ende des 20. Jhds mit seinen aufrüttelnden Lehren in Eu

 

ropa nicht mehr vorstellbar bzw. nicht mehr zuzulassen - und wie dergleichen Formeln mehr in diesen Tagen heißen?

 

 

Die Welt braucht keine ´Friedensordnungen´. Allein unsere wechselseitige Achtung und unser Einander-gelten-Lassen ist das, woran alles hängt.

Achtung aber kann nicht erzwungen werden.

 

Wir können sie nur leben - alle, die sich frei und selbst-bewußt genug dazu fühlen - und ihr so in und um uns Raum geben.

Das heißt: wir können das, was wir mit- und gegeneinander auszutragen haben, im Geiste der Achtung tun. Dann werden sich auch unsere Kontrahenten einfach nur kraftvoll, aber nicht phobisch gegen uns als ihre Rivalen zur Wehr setzen können.

Was wir dabei arbeitserleichternd zeitweilig so oder so miteinander in überschaubare Ordnungen zu bringen verstehen, kann uns diese wechselseitige Achtung erleichtern, weil und soweit sie uns hilft, uns weniger oft zu verirren und nicht in jedem Augenblick alles grundlegend neu durchdenken zu müssen. Denn das machte uns handlungsunfähig.

 

 

Wann immer wir selbst diesen Geist verfehlen, müssen wir ihn uns neu erarbeiten. Denn unsere Ordnungen entgleisen darüber.

Wo andere um uns herum dies tun, bleibt ihnen eben dieses Bemühen ebenso wenig erspart wie uns.

Und leichter wird die Rückgewinnung solchen Geistes für uns alle, wenn wir die Achtung der anderen auch über jene Phasen hinweg nicht verlieren, in denen wir selbst in allerlei Verächtlichkeiten abgeirrt sind.

 

 

In der in diesen Wochen mehrseits beschworenen ´Büchse der Pandora´ steckt keine Überfülle so oder so verhängnisvoller Vorstellungen und Bestrebungen! Denn niemals wird, selbst was vielen frommt, allen gerecht!!!

In ihr steckt allein unser Unwille, einander zu achten! Es ist unser Unwille, Raum zu lassen für den Dissens - den anderen, uns unter Umständen irritierenden, befremdenden, beeinträchtigenden, herausfordernden und nicht selten natürlich auch irrigen Weg unserer Mitmenschen.

 

Unsere Angst: über solchem Dissens einst mühsam gewonnene Überschaubarkeit wieder zu verlieren und dann nur über

 

Schlächtereien neue Überschaubarkeiten wiedererschaffen zu können.

Unser deshalb verzweifeltes Credo, laut in den Wald unseres mangelnden Zutrauens zu unseren menschlichen Möglichkeiten hineingesungen:  Konsens ergebe sich nur aus mittlerweile als konsensfähig erkämpften und erwiesenen Ordnungen und ihrer konsequenten und machtorientierten Prolongierung gegen so oder so radikale Infragestellungen - und allenfalls ausnahmsweise aus so oder so sich fügender freier Konkordanz.

Und das, obwohl unser vielbeschworenes naturwissenschaftliches Weltbild ein Wissen zutage gefördert hat, das ein solches Credo ad absurdum führt: Es sagt uns, alles sei Energie, also Stoffwechsel, Gestalt und Bewegung und Bewegung in der Gestalt und zu deren Metamorphosen - immer von neuem gebildet aus einem vieldimensionalen und ebenso geordneten wie chaotischen (!) Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung - Licht, in einer Bewegung und von einer Eigenart, die das Dunkel in sich enthalte, sofern es beides zugleich sei: Teilchen und Welle, Masse und Bewegung, Universum und Schwarzes Loch. - Und und und...

 

Warum nur meinen wir, es sei uns aufgegeben oder gar auferlegt, dieses Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung, soweit es unsere menschlichen Beziehungsgefüge betrifft, zu steuern?

Niemand von uns steuert es je.

 

Wir alle vollziehen es einfach.

Wir assoziieren uns, und wir dissoziieren uns. Mal hellsichtig, mal blindwütig, mal irgendetwas aus der Fülle dazwischen.

Aber nicht nur unsere zeitweiligen oder dauerhaft endgültigen Dissoziationen schmerzen und ängstigen uns. Sondern selbstredend auch unsere Assoziationen! Beide schaffen Verbindlichkeiten, die wir uns gewinnen um den Preis jeweils anderer Abhängigkeiten.

 

Manchmal sehen oder wähnen wir unser ganzes Heil im Wechsel unserer Abhängigkeiten. Wo das so ist, sollten wir ihn vollziehen bzw. den Bruch annehmen - ohne Feindschaft, wenn möglich, denn sie erst ist das effektivste ´Viagra´ unserer Schmerzen.

Nur die Freiheit auch zur Dissoziation ist die Bedingung der Freiheit zur Assoziation und damit zu möglichster ´Friedlich-´ und somit denkbar begrenzter ´Kriegsartig-keit´ der jeweiligen Bewegungsabläufe und –findungen.

Was uns assoziativ zu ordnen gelingt, hält, solange wir diese Assoziation und keine andere wollen.

Wo wir sie zu wachsenden Teilen nicht mehr wollen, ist eine einstens noch so wertvolle Ordnung hinfällig geworden und nur durch die Geburt einer neuen ´fortzupflanzen´ oder abzulösen.

 

Treiben wir nicht einfach ab, was unter uns ans Licht dieser Welt will, weil wir es gezeugt haben! Es ist in jeder Gestalt wert, daß es existiert, auch wenn es uns wie jedes neue Leben eines Tages fühlbar werden läßt, daß wir auch und unaufhebbar Abtretende sind, denen die Fülle ihrer Möglichkeiten weder am Anfang noch am Ende ihres Lebens (und manchmal nicht einmal zwischendurch) in voller Selbstbestimmtheit zu Gebote stehen kann.

 

Alles Leben beschenkt uns immer, wenn wir es als Geschenk annehmen.

Nur wo wir es um seine ureigene Existenzberechtigung und Bedeutung bestehlen, es gar aus solcher Bestohlenheit heraus erwachsen lassen und in ihr gefangen halten, handeln wir uns Bestehlung ein.

Ansonsten hängt unser ganzes Glück und unser möglicher Reichtum an unserer Fähigkeit zu teilen.

- Nichts Vorgegebenes oder Vorzugebendes freilich, sondern das, was sich einstellt, weil es uns in dieser oder jener Assoziation anzieht oder abstößt und wiederum als von uns Angezogenes und Abgestoßenes aus ihr hervor

 

 

 

geht – mit seinen eigenen mehr oder minder hellsichtigen bis blindwütigen Assoziationen und Dissoziationen natürlich ... und so fort.

 

So ist Leben.

Wir tun uns und der Welt nur vermeintlich etwas Gutes, wenn wir ihrer Vielgestaltigkeit durch so oder so festgezurrte Weltordnungen entgegenzuwirken trachten, damit ´Friede´ herrsche, oder zumindest nicht Krieg.

Und nichts sogenannt ´Gutes´ entsteht, wenn wir uns selbst und einander glauben zu machen suchen, nur über bestmöglich ziselierte Ordnungen, sei Raum für wenigstens ein Minimum wechselseitiger Toleranz.

Raum für Toleranz ist nur da, wo uns Achtung gelingt, obwohl wir den Kopf schütteln über nicht wenige der hochverschiedenen Wege und Haltungen unserer Mitmenschen.

Aber nicht Ordnungen bringen uns auf die Idee, miteinander geduldig zu sein.

Sondern geduldig sind und werden wir, weil und solange wir es wollen. Jeder einzelne von uns und wir alle zusammen.

Und wir wollen es immer von neuem nur dann, wenn wir dem Reichtum in der ungeheuren Vielfalt menschlicher Existenzen –

 

wie der auf besondere Weise reichtumsträchtigen Armut all dieser Individuationen - auf die Spur gekommen sind...

Hier liegen unsere Möglichkeiten und unsere Grenzen.

Und sie, und nur sie, bilden die Koordinaten, innerhalb derer wir einander zu antworten haben und antworten dürfen!

Wo wir begreifen, daß wir nichts als das Geflecht aus unseren Antworten ´Verantwortung´ nennen können, können wir vielleicht aufhören, einander aus ´moralischem Impetus´ fremdbestimmen zu wollen.

 

Verantwortliches Fühlen, Denken und Tun bestünde von hier aus in der offenen Mitteilung und freiwilligen Verschränkung oder Nicht-Verschränkung all der ideellen und materiellen Horizonte, die auf unserem Erdball zur Teilung anstehen - bzw. in einem mehr oder minder achtungsvollen, ja selbst im verächtlichen Kampf um sie.

Jenseits dieses wie immer gerade akzentuierten Verantwortungs- bzw. Antwortgefüges kann sich niemand auf dieser Erde bewegen.

Es gibt keine Unverantwortlichkeit oder Verantwortungslosigkeit, wie es keine Unmenschen gibt oder Untermenschen, Übermenschen und Ähnliches.

Es gibt nur Menschen in Verantwortung!

 

Wo sie aufeinander hören und einander antworten, gelingen ihnen vielleicht Verständigungen.

Wo dergleichen mißlingt, bleibt für alle ´Tat- und Lösungs-Versessenen´ nichts als das immer neue Abschlagen ohne Ende nachwachsender Gorgonenhäupter.

Oder aber es bleibt der Mut zum Ertragen dessen, was wir nicht hindern können und zum geduldigen Erspüren der Risse in allem Verstellten und Verblendeten, in die sich Neues pflanzen läßt!

Er ginge einher mit der Neuentdeckung unseres Vertrauens auf jenes unendlich produktive Kräftespiel zwischen Ordnung und Anarchie, Werden und Vergehen, Aufbau und Zerstörung, in dem unser Universum in der ganzen atemberaubenden Schönheit unablässiger und mannigfaltigster Gestaltwerdungen schwingt - und wir mit ihm in der unseren - weshalb es vermutlich in eben diesem Schwingen seinen Grund wie sein Ziel hat, mögen wir beides nun ´Gott´ nennen oder nicht...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

März99:

 

Kosovo-Krieg -

erste Reaktion/offener Brief

 

Heidelberg,  26.3.1999

 

Wer nennt mir einen Krieg in der Geschichte der Menschheit, der Not, Vertreibung, Schändung und Tod nicht potenziert hätte - verglichen mit dem Elend, gegen das er angetreten war?

 

Wann und wo immer Menschen sich schlagen, ist das schlimm genug.

Was wird besser dadurch, daß man die schlägt, die schlagen?

 

Woher die Arroganz, wir hätten Lösungen für die Probleme, die andere miteinander haben?

Wir stolpern doch nicht selten kläglich genug durch unser eigenes Gestrüpp, verstehen uns selbst nur in Maßen und unsere Gegner allenfalls in Ansätzen!

Kein Mensch auf dieser Welt und auch kein Volk, dem es erspart geblieben wäre, sich dabei auch zwischenzeitig denkbar entsetzlich zu verstolpern!

 

Wissen wir immer noch nicht, daß wir keiner dieser Entsetzlichkeiten gegenüber eine begrenzende und Versöhnungen ermöglichende Macht haben - außer der der Liebe?

Wissen wir immer noch nicht, daß wir keineswegs alles richten können, was uns das Herz zerreißt - weder mit Gewalt noch anders, bevor auf allen Seiten gereift ist, was Lösungen eines Tages vielleicht möglich werden läßt?

Ja, wissen wir immer noch nicht, daß wir in der Regel deshalb nicht Teil der Lösung eines uns mitbetreffenden Problems zu werden vermögen, weil wir so oder so Teil dieses Problems sind?

Und wissen wir immer noch nicht, daß wir unsere Ohnmacht niemals wenden durch die Anmaßung von Macht?

 

 

Gibt es ein Dreinschlagen, dessen vordergründig schmerzlindernde Wirkung, den Schmerz und den Schmerz der Ohnmacht nicht noch potenzierte? - Und ist nicht das die Erkenntnis, die wir allen ´Gewaltbereiten´ in unserer Gesellschaft anraten?

Und nur, weil Schmerzen nicht gleich Schmerzen sind, gälte diese Erkenntnis nicht?

 

Dies alles in respektvollem Widerspruch zur derzeitigen Jugoslawienpolitik!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grundlegendes:

 

Stichwort-Zusammenstellung:

KRIEG, KRIEGSTRÄCHTIGE KONFLIKTE + HALTUNGEN

 

 

- KRIEGS-TYPEN:

nach Kriegführenden:

Ritterkriege

Söldnerkriege

Kabinettskriege

Volkskriege - Wehrpflichtige - Berufssoldaten

Bürgerkriege

Bandenkriege

 

nach Kriegsformen:

 

Guerillakriege

Materialkriege

Luftkriege

 

nach Kriegsgegenständen:

Verteilungs- und Eroberungskriege

Hegemonialkriege

Sezessionskriege

Befreiungskriege

Heiße und kalte Kriege - Stellvertreterkriege

 

- KRIEGS-HERDE +  -SCHAUPLÄTZE:

Gebiete mit Hegemonialstreben

Gebiete, in denen Machtvakuen be- oder entstehen

Gebiete mit großen inneren Spannungen

Hauptkriegsschauplätze 1. Hälfte 20. Jhd.:

Hauptsächlich Nordhalbkugel - unmittelbare Hegemonialkriege

Hauptkriegsschauplätze 2. Hälfte 20. Jhd. – 1945-1990:

Hauptsächlich Südhalbkugel - mittelbare Hegemonialkriege im Kontext des Ost-West-Konflikts / Stellvertreterkriege in Form von Befreiungs-, Eroberungs- und Bürger- bzw. Sezessionskriegen

 

 

Hauptkriegsschauplätze seit 1990 – dem Ende des Ost-West-Konflikts:

Hauptsächlich Südhalbkugel - mittelbare Hegemonialkriege im Kontext der Globalisierung des Wirtschaftsprozesses und einer vielfältigen Verschiebung mächtepolitischer Kraftfelder - in Form von Befreiungs-, Eroberungs- und Bürger- bzw. Sezessionskriegen

 

 

- KRIEGS-FOLGEN:

Rund 50 Mio. Kriegstote in über 190 Kriegen weltweit seit 1945, 2/3 davon Zivilisten

 

Jährlich viele Mio Kriegsflüchtlinge und –vertriebene weltweit - bis hin zu ethnischen ´Säuberungs-Lösungen´ von inneren Konflikten

Destabilisierung und Neukonfigurierung von internationalen Mächtekonstellationen bis hin zu neuerlich kriegsträchtigen Beinträchtigungen der Sicherheitsbedürfnisse

Verfestigung wie Umsturz von Systemen

 

 

 

- KRIEGSTRÄCHTIGE KONFLIKTE:

Konflikte sind kriegsträchtig, wenn sie als existentiell, also in irgendeiner Weise bereits akut oder erst noch potentiell lebensbedrohlich empfunden werden - manchmal unabhängig davon, ob sie, mit gehörigem Abstand betrachtet, tatsächlich Lebensbedrohlichkeit in sich bergen

Das gilt für Konflikte zwischen einzelnen nicht minder als für Konflikte zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen/politischen Lagern wie auch für Konflikte zwischen Staaten

 

Konflikte sind darüber hinaus dann kriegsträchtig, wenn die Kräfteverhältnisse so sind, daß jeder der Konfliktbeteiligten auf eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse zu seinen Gunsten oder auf deren Verteidigung durch gegebenenfalls sogar präventive Gewaltanwendung hoffen zu können glaubt

Kraftentfaltungsmöglichkeiten ergeben sich dabei nicht allein aus wirtschaftlicher und strategischer Potenz - Verzweiflung wie Sendungsbewußtsein und ein starker Zusammenhalt zwischen Führenden und Geführten können in manchmal staunenswertem Umfang die materiell unterlegene Seite zur gleichwohl stärkeren werden lassen

Kraftentfaltungsmöglichkeiten ergeben sich auch aus den Fehlentscheidungen der Gegner

 

Und Konflikte sind dann kriegsträchtig, wenn die Kräfteverhältnisse so sind, daß der unterlegene Kontrahent so chancenlos ist, daß der Überlegene statt im Wege langwieriger Verständigungsversuche seine Interessen einfach mit gewalttätiger Rücksichtslosigkeit durchsetzen, einfach ´kurzen Prozeß´ machen zu können, zu sollen oder gar zu müssen glaubt.

 

 

Kriegsträchtige Konflikte haben damit immer entscheidend:

entweder mit phobischen, also angstbesetzten Verengungen von sonst kulturell hochleistungsfähigen Menschen- und Weltbildern zu tun

Zu entweder:

Die mittelalterlich-christliche Weltreichsidee pervertiert sich in die Kreuzzugsidee

Die mittelalterlich-christliche Ordo- und Pilgerstaats-Idee pervertiert in den Hexenwahn und die Inquisition

Kapitalistischer Liberalismus und Ostblockkommunismus treten ihre eigenen Ideale ständig mit Füßen, weil die überstarke Bedrohung durch den jeweiligen Systemgegner angeblich dazu zwingt

Mission pervertiert in Zwang

 

Religiöse oder politische Positionen werden verteidigungs- oder befreiungshalber auf ihre fundamentalistischen Kerne reduziert

oder sie erwachsen von vorn herein aus einem irgendwann phobisch gewordenen Welterleben, das zu Befreiungsschlägen tendiert und Anlaß wird für einen diese legitimierenden aggressiven Ideologiemix

Zu oder:

Der die diversen ´Faschismen´  - und leider auch die modernen Demokratien in unübersehbaren Teilbereichen (!) -  im Kern tragende Sozialdarwinismus

Rassismen

 

 

Die Wurzeln phobischen Welterlebens liegen:

in pyschologischer Hinsicht:

im natürlichen Selbstbehauptungs- und Geltungsstreben von Menschen und Völkern, dem infolge eines zu übergriffig agierenden Ordnungsstrebens und Interessenkampfes von ihren jeweiligen Konflikt-Kontrahenten die erforderliche Rechnung nicht mehr getragen wird - oder früher in traumatisierendem Umfang verweigert wurde

 

im unausweichlichen Erfordernis ordnungspolitischer Konzepte, denen jedoch ständige Pervertierung droht infolge der Begrenztheit des menschlichen Intellekts

in Phantasielosigkeit, was tragfähige Gründe für Selbstwertgefühle, die Weiterentwicklung oder erforderliche Umstrukturierung von Ordnungen, die möglicherweise keineswegs bösartigen Motive jeweiliger Konfliktgegner, sondern vielmehr deren Ängste, mögliche halbwegs für alle Beteiligten gerechte Lösungen, die Bedeutung von Zeitpunkten und Potentialen und dergleichen mehr angeht

 

im Bereich konkreter Greifbarkeiten:

In der naturgegebenen Knappheit aller Natur- wie Kulturgüter

 

- KRIEGSTRÄCHTIGE HALTUNGEN:

Die Bereitschaft oder gar Neigung, dem jeweiligen Konfliktgegner Bösartigkeit und Böswilligkeit zu unterstellen statt eine prinzipielle Gleichrangigkeit in der Verfolgung seiner Interessen zuzugestehen

Expansionsbestrebungen wie Selbstbehauptungsaktionen bei sich selbst anders zu werten als beim jeweiligen Gegner - unter Verweis auf die problematischen weltanschaulichen Grundlagen des Handelns und Strebens des anderen

 

Mangelnde Wahrnehmungs- und Analysebereitschaft der auf der eigenen wie auf der gegnerischen Seite ja immer hochkomplexen Problemlagen - Streben nach reduktionistischem Denken , bequemem Urteilen und ebenso ´einfachen´ wie ´schnellen´ Lösungen

Mangelnde Duldsamkeit gegenüber Entwicklungen, Haltungen und Aktionen von Gegnern, gegen deren wie auch immer bedrängende Auswirkungen sich vorderhand kein nicht gewalttätiges Rezept finden läßt - bzw. umgekehrt: die Bereitschaft und Entschlossenheit, mögliche Bedrängnis durch andere als schlimmer zu erachten, als das Inferno, das jeder Krieg bedeutet

Mangelndes Selbstvertrauen hinsichtlich der eigenen Findigkeit im Umgang mit den anstehenden Konflikten und den aus diesen erwachsenen Bedrängnissen

Mangelnde Suche nach den eigenen Anteilen an dieser oder jener Konfliktlage und –eskalation - und entsprechend mangelnde Bereitschaft, diese Anteile erst einmal signifikant abzubauen, bevor man neue Möglichkeiten eines zuträglicheren Miteinanders als bisher ins Auge faßt, die schließlich erst wachsen müssen, was sie, ohne daß man den Boden dafür bereitet hätte, nicht können

 

 

 

 

 

- MÖGLICHKEITEN DER KONFLIKT-AUSTRAGUNG + IHRE FOLGEN:


Kommunikation > Verständigung / Halbverständigung / Vertrauensbildung? / Nichtverständigung

Verrechtlichung > Berechenbarkeit / Vereinfachung < Problem des möglichen Rechtsbruchs - Sanktionen?!

Druck > Nachgeben / Gegendruck - Eskalation

Distanz > Entspannung / andere Art von Druck / u.U. gefährliche oder aber notwendige Spielräume

Duldung > Bedrängnis / scheinbar übergroße Spielräume für den Bedränger / neue Spielräume für das, was an Neuem wächst und wachsen kann

Krieg > Inferno/Untergang von vielem auf allen Seiten / rücksichtslos gewalttätige Neuverteilung der Karten, die neue Konfliktwurzeln legt