aus: Baustein 05:

Gobalisierung-Regionalisierung
 
... zu ggf. etwas anders als die im LBK-Konzept GW (der vorliegenden Website) akzentuierten Überlegungen:
 
S. 15-19
 

6.  Auf dem Weg zu einer Gleichgewichtsökonomie

 

 

 

Was ist eine Gleichgewichtsökonomie?

 

Der Begriff „Postwachstumsökonomie“ besagt, dass es eine Ökonomie ohne Wachstumszwänge geben muss.29

 

Der Begriff „Gleichgewichtsökonomie“ sagt deutlicher, worum es geht. Es geht um eine Wirtschaftsweise, in der sich Wachstum und Entwicklung auf ein ökologisch und sozial verträgliches Maß einpendeln.

 

Konkret heißt das: ·

Die Wirtschaft wächst quantitativ nur in besonderen Aufbauphasen und wenn alle Wachstumsfelder offen sind.

Bei Erreichen eines Sättigungsgradesgeht das Wachsen zunehmend in qualitative Entwicklung über: Qualitätsprodukte; Wachsen kultureller Lebensqualitäten, des ökonomisch sozialen Gleichgewichts.

-  Dies geschieht in einer ständigen dynamisch sich einpendelnden Wellenbewegung  -sowohl für einzelne Güter als auch für die gesamtökonomische Entwicklung.

 

Diese Entwicklung bleibt unter dem maximal ökologisch-sozial verträglichen Maß von Faktor 1 des ökologischen Fußabdrucks.

 

Der Übergang von einer Wachstumsökonomie zu einer Gleichgewichtsökonomie wird über eine Schrumpfungsökonomie gehen müssen, d.h. der Material-und Energiedurchsatz muss drastisch gesenkt werden.

Wir müssten durch ein hundertprozentiges Recycling zu einem Nullverbrauch aller endlichen und nicht regenerierbaren Ressourcen kommen. Praktisch ist das wegen der Entropie aller Stoffwechselprozesse nicht möglich.

 

Doch muss es um desLebens unserer Kinder und Enkel willen in einem höchstmöglichen Maß angestrebt werden.

 

 

 

Die Notwendigkeit einer Suffizienzstrategie

 

 

Einig sind sich alle Wirtschaftslehrer, dass es zur Bewältigung der ökologischen Krise ein Zusammenwirken von Konsistenz- und Effizienzstrategie geben muss:

 

Konsistenzstrategie als konsequente Ausrichtung allen Wirtschaftens, der Technik und Produkte auf ihre ökologische Verträg-lichkeit hin;  

Effizienzstrategie mit dem Ziel, höchstmögliche Effizienz durch größtmögliche Einsparung von Material und Energie mit hoher Produktivität zu erreichen (Entkopplungsstrategie).

 

Da der heutige Verbrauch auch bei höchster Effizienz zu hoch ist und der Rebound-Effekt eine absolute Entkopplung aber immer wieder unterläuft, muss unseres Erachtens unbedingt die Suffizienzstrategie dazu kommen: „Mit weniger besser leben“.

Das bedeutet erstens, die oben erwähnte Schrumpfungsökonomie in allen Produktionsprozessen zu realisieren;

und zweitens, im Lebensstil den Verbrauch aller materiellen Güter zu reduzieren, dafür mehr von nichtmateriellen, geistigen, kulturellen, zwischenmenschlichen und spirituellen Gütern zu leben.

Erst wenn die Suffizienzstrategie hinzukommt und die tragende Kraft ist, können die ersten beiden Strategien zielführend sein, da sonst der Rebound-Effekt die ökologischen Gewinne wieder zunichte macht.

 

 

 

Vorschlag eines Ressourcennutzungskontos

 

Zur Förderung der Suffizienzstrategie wäre die Einrichtung von Ressourcennutzungskonten hilfreich. Diese könnten den tatsächlichen Ressourcenverbrauch eines jeden Gutes bewusst machen und so zu Einsparungen anregen und zugleich für jeden eine gerechte und bezahlbare Anteilhabe sichern.

 

Das könnte in etwa so funktionieren:

-  Fachinstitute berechnen für die wichtigsten Güter des Lebens den jeweiligen „Ökologischen Rucksack“: Aufwand und Belastung von Ressourcen und Energie, die für Herstellung und Nutzung eines jeweiligen Gutes nötig sind. Diese werden in Ressourcen-Belastungspunkte umgerechnet.

Jedem Bürger /Haushalt /Unternehmen werden je nach Größe und Aufgabe für die wichtigsten gebrauchten Ressourcen auf einem Ressourcennutzungskonto Nutzungspunkte gutgeschrieben (pro Jahr oder Monat).

Bei der Bank bzw. Sparkasse wird für jede Person (oder auch für einen gemeinsamen Haushalt) ein Ressourcennutzungskonto für die vier größten Belastungsbereiche eingerichtet:

   1.   für die Haushaltsenergie wie elektrischen Strom und Heizung,

   2.   für Nahrungsmittel;

   3.   für Anschaffung von Kleidung, Geräten und Maschinen,

   4.   für die Mobilität.

 

Richtzahlen für die Höhe des jeweiligen Ressourcendeputats werden vom Nationalen Wirtschaftsrat errechnet und in der Tendenz über die Jahre langsam gesenkt.

Jeder Kauf wird mit der üblichen Kreditkarte getätigt (mit Bargeld wird fast nicht mehr gekauft). Auf der Kreditkarte des Bürgers wird jedoch nicht nur sein aktueller finanzieller Kontostand eingelesen, sondern auch der Stand seines Nutzungskontos. Bei jedem Einkauf werden an der Kasse automatisch je nach gekauften Gegenständen entsprechende Ressourcennutzungspunkte abge-bucht.

Bewegt sich der Bürger innerhalb des Limits seines Nutzungskontos, zahlt er einen relativ niedrigen Preis.

Überschreitet der Bürger sein Nutzungskonto, hat er 30 bis 50% mehr zu zahlen.

Für ressourcenaufwändige Luxusgüter gibt es kein preisgünstiges Nutzungskonto; diese sind mit einer sehr hohen Mehrwertsteuer belegt.

Für Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Dienstleistungen wird ein ähnliches Ressourcennutzungskonto eingerichtet. Diese werden ihnen je nach Produkt, Größe des Unternehmens und Umfang der Produktion bzw. der Dienstleitung zugeteilt.

Überzieht ein Unternehmen seine Ressourcenkonten, wird das sehr teuer und drückt seine monetären und ökologischen Bilanzpunkte (siehe Ausführungen im Baustein „Partizipatorische Unternehmensverfassung“).

 

 

·  Beispiel für einen Einkauf mit Ressourcennutzungskonto:

Anke kauft Brot, Butter, Gemüse, Milch, Käse, etwas Schinken, Bier u.a. Kurz vor Weihnachten kauft sie auch ein Kilogramm Bananen. An der Kasse gibt sie der Verkäuferin ihre Kreditkarte, mit der alles bezahlt wird. Sie hält die Kreditkarte an die Rückseite ihres Handys und ruft ihr Ressourcenkonto auf. Auf dem Display liest sie: Lebensmittel regional gesamt 18 Belastungspunkte, Bananen-Import 15 Belastungspunkte (Bananen bekommen durch Überseetransport eine sehr hohe ökologische Belastungspunktzahl). Auf dem Display ist zugleich zu lesen: Stand 16. Dezember, bis Ende des Monats von insgesamt 450 Lebensmittelfreipunkten noch 220 offen. Anke überlegt, ob und wie sie bis Ende des Monats unter dem angestrebten ökologischen und preisgünstigen Limit bleibt.

 

 

 

 

 

Struktureller Umbau der ökonomischen Handlungsfelder

 

Um von den strukturellen Ursachen her die sozialen und ökologischen Fehlentwicklungen unserer Wirtschaft zu überwinden, sind aus ihren Handlungsfeldern ihre wachstumstreibende Funktion und ihre Abschöpfungs-, Bereicherungs-und Externalisierungsmechanismen herauszunehmen.

 

 

Wie das geschehen kann, ist in verschiedenen Arbeitspapieren der Akademie Solidarische Ökonomie und in den Büchern der Akademie 31 ausführlich dargestellt worden. Hier sollen nur in einigen Stichworten die wichtigsten Ordnungselemente einer postkapitalistischen Ökonomie benannt werden:

 

Entwicklung einer Finanzordnung, in der das Zinssystem durch ein Kreditgebührensystem abgelöst, der spekulative Geldhandel verboten und das Bankensystem auf seine reine Dienstleistungs-funktion im Gemeinwohlinteresse zurückgeführt wird;

 

Entwicklung einer Eigentumsordnung, in der Eigentum nicht mehr zur leistungslosen Abschöpfung fremder Leistung genutzt werden kann, in der Grund und Boden und die Öffentlichen Güter wieder in Gemeineigentum übergehen (moderne Allmende; Commons-Ökonomie);

 

Entwicklung einer partizipatorischen Unternehmensverfassung, in der neben der monetären eine ökologische und soziale Bilanzrechnung in den Unternehmen eingeführt, eine konsequente Mitbestimmung aller am Unternehmen Beteiligten realisiert und mögliche Gewinne Betriebseigentum werden;

 

- Entwicklung von Marktregeln, die einen kooperativen Wettbewerb ermöglichen und eine Vormachtstellung von Großunternehmen unterbinden;

 

Entwicklung eines leistungsgerechten und solidarischen Lohnsystems, in dem Einkommen weit über jedes eigene Leistungsvermögen abgeschafft werden, jede Erwerbstätigkeit nach Tarifen mit bis zu dem 5-fachen (max. 10-fachen) der Durchschnittslöhne entlohnt wird und Mindesteinkommen gewährleistet werden;

 

-  Entwicklung einer Arbeitskultur, in der durch Arbeitszeitverkürzung (z.B. 30-Stundenwoche) das Arbeitsvolumen so geteilt wird, dass jeder Arbeitsfähige Erwerbsarbeit findet und sich neben der abgesenkten Erwerbsarbeit Eigen-und Familienarbeit, Gemeinwohlarbeit, Zeitwohlstand und Muße umfangreicher und kreativer entfalten können;

 

Entwicklung eines solidarischen Steuer-und Sozialsystems, in dem von allen Einkünften von allen Bürgern solidarisch-progressive Beiträge erhoben werden und ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger gewährleistet wird;

 

Entwicklung einer ökosozialen Globalisierung:

/  Entmachtung Transnationaler Konzerne,

Durchsetzung fairer Handelsbedingungen und internationaler Standards;

Ökologisierung der gesamten Wirtschaft;

Schutz und Stärkung der Regionalwirtschaft;

Förderung einer regionalen Subsistenz-wirtschaft (Selbstversorgung der Regionen).

 

 

 

 

 

Voraussetzungen einer Gleichgewichtsökonomie

 

 

Die Realisierung einer Gleichgewichtsökonomie wird nur gelingen, wenn sich der im Gang befindliche Paradigmenwechsel in fünf Bereichen durchsetzt:

 

1.  Erkenntnis und Mut, die Ursachenfrage wirklich „radikal“, d.h. an die Wurzeln gehend zu stellen und mit ihr an der bisher tabuisierten Systemfrage zu arbeiten.

 

2.  Neubesinnung auf die tragenden Werte unseres Menschseins, auf Kooperation und Solidarität, auf ein demokratisches Gemeinwesen, auf Spiritualität und Sinnfindung  – somit Befreiung vom sozialdarwinistischen Menschenbild, vom materialistischen Grundirrtum und dem Streben nach immer mehr.

 

3.  Neubesinnung auf die eigentliche Zielstellung des Wirtschaftens:

Nicht Renditenmaximierung, Kapitalanhäufung in der Hand weniger und Bereicherungswettkampf aller gegen alle kann Sinn und Ziel humanen Wirtschaftens sein, sondern die heute äußerst hohe Wertschöpfung der Menschheit so einzusetzen,

dass sich erstens die Reichtums-Armuts-Schere zugunsten einer gerechten Teilhabe der Armgemachten wieder schließt,

und dass zweitens der Ökologische Fußabdruck wieder auf unter 1 sinkt.

Dem haben auch alle wirtschaftlichen Innovationen zu dienen!

 

4.  Mut, sich von diesen Erkenntnissen her von den Leitvorstellungen und Strukturen kapitalistischer Wirtschaftsweise zu trennen und unser Wirtschaftsystem grundlegend umzubauen.

 

 5.  Schnellstmöglich Lösung von BIP als Indikator für das Bemessen der Wohlfahrt;

Einführung einer Bemessensgrundlage, in der neben dem BIP andere Indikatoren wie ökologische Daten, Einkommensgerechtigkeit, soziale Teilhabe, Bildung, Kultur, Gesundheit u.ä. hinzutreten (Sozialökologischer Wohlfahrtsindex s.S.5).

 

6.  In all dem wird es in den reichen Ländern die Bereitschaft geben müssen, materiell ärmer zu leben, d.h. für uns in Deutschland z.B. mit einem Wohlstandsniveau der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts.

 

Wenn dies mit einem hohen sozial-ökonomischen Gleichheitsniveau, mit einer intakten Umwelt und gesunden Lebensweise verbunden ist, wird das zu einer größeren Lebenszufriedenheit führen.

 

 

 

 

 

Frage der Umsetzbarkeit

 

 

Auf die Frage der Anschlussfähigkeit und Umsetzbarkeit einer Gleichgewichtsökonomie gibt es eine scheinbar widersprüchliche Antwort:

Einerseits sind die Gewohnheiten, Kräfte und Profiteure des Bisherigen so stark, dass eine tiefgreifende Änderung unseres Wirtschaftsystem kaum vorstellbar ist.

Andererseits sind verschiedene Elemente eines neuen Wirtschaftens im Keim schon angedacht:

/ einmal in verschiedenen Regelsystemen der sozialen Marktwirtschaft wie Tarifgesetze, Mitbestimmung, ökologische Auflagen, Kartellgesetze u.a.,

zum anderen in vielen schon vorhandenen Ansätzen alternativen Wirtschaftens.

 

 

 

Entscheidend wird das Erstarken der vielen Alternativbewegungen sein.

 

Ihre Arbeit muss auf fünf Ebenen weiterentwickelt und miteinander verbunden werden:

 

1.  auf der Ebene der Erkenntnisbildung:  diese Krise durchschauen, Leben und Wirtschaft neu begreifen;

 

2.  im Erarbeiten alternativer Systementwürfe, wie sie z.B. in der Akademie Solidarische Ökonomie, in der Gemeinwohlökonomie, in der Postwachstumsinitiative entworfen werden;

 

3.  auf der Ebene des Lebensstiles und neuer Werteerfahrungen: „Mit weniger besser leben“;

 

4.  auf der Ebene von Pionierprojekten wie gemeinwohlorientierten Unternehmen, Regionalgeldinitiativen, Einkommens-Verbraucher-Gemeinschaften, Kommunitäten u.ä.;

 

5.  auf der Ebene politischer Bewegungsarbeit zivilgesellschaftlicher Kräfte, die in Protestaktionen, Demos, Vernetzungen zur gegebenen Zeit auch Massen bewegen können.

 

 

 

 

Die Erkenntnis, dass die alte Wachstums-, Abschöpfungs-und Bereicherungsökonomie so nicht fortgesetzt werden kann, teilen über 80% der Menschen in unserem Land.

 

Und die Erkenntnis der Notwendigkeit einer „Großen Transformation“ unserer Gesellschaft breitet sich auch in einigen Köpfen der etablierten Kräfte unseres Landes aus.

 

Ob es hier einen sich positiv entwickelnden Prozess oder eher krisenhafte Zusammenbrüche geben wird, kann nicht vorher gesehen werden.

 

Gewiss aber ist, dass sowohl in den genannten Ansätzen und Bewegungen wie im ethischen Potential des Menschen die Möglichkeiten einer postkapitalistischen lebensdienlichen, solidarischen und zukunftsfähigen Wirtschaftsweise gegeben sind, einer Wirtschaft, die mit ihrer enorm hohen Wertschöpfung ein befriedigendes Genug für alle ermöglicht und zu einem befreiten, naturverbundenen, geistigen und kulturell reichen und friedensfähigen Leben verhelfen kann.